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Ein verrücktes Ritterleben #

Als „Narr im hohen Dienst“ und furchtbarer Kämpfer wurde Ulrich von Liechtenstein bezeichnet. In Wirklichkeit aber war der Ritter ein sehr politischer Mensch, der sogar Truchsess und Landesrichter der Steiermark wurde.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Reste der Frauenburg
Die Reste der Frauenburg von Ulrich von Liechtenstein (1200-1275).
Foto: © STANZER

Es war einmal ein steirischer Ritter aus Judenburg mit Namen Ulrich von Liechtenstein, der seltsamer Kauz, politischer Kopf und närrischer Minnesänger zugleich war.

Um einer verehrten Dame zu gefallen, unterzog er sich 1224 einer lebensgefährlichen Lippenoperation in Graz und ließ sich sogar einen Finger abhacken, den er der noch immer spröden Angebeteten mit seinen Gedichten zuschickte.

Marschall der Steiermark#

Wegen des Verdachts der Verschwörung ließ ihn König Przemysl Ottokar (der nach den Babenbergern über Österreich und Steiermark herrschte und später gegen Rudolf von Habsburg kämpfte) für sechs Monate ins Gefängnis werfen und zwei seiner Burgen zerstören. Drei Jahre später ernannte ihn derselbe König wegen seiner Verdienste zum Marschall der Steiermark und 1272 zum Landesrichter.

Aus Freude an der Poesie war Ulrich aber auch Dichter. Bloß er konnte weder lesen noch schreiben, also diktierte er einem Schreiber seine Werke. 1255 verfasste er mit seiner fiktiven Autobiografie „Frauendienst“ den ersten Ich-Roman in deutscher Sprache.

Was aber wissen wir vom Leben dieses „Narren im hohen Dienst“ wirklich? Ulrich von Liechtenstein wurde um 1200 als Sohn eines Kämmerers in Judenburg geboren und genoss von Kindheit an die Ausbildung eines Ritters im Hochmittelalter. Er diente einer edlen Dame, die er sein Leben lang in Minneliedern verehrte, als Page. Von 1215 bis 1219 war er Knappe bei Markgraf Heinrich von Istrien, 1223 wurde Ulrich in Wien vom Babenbergerherzog Leopold VI. zum Ritter geschlagen.

Ulrich von Liechtenstein
Ulrich von Liechtenstein, wie er in der Manesse-Handschrift als Königin Venus dargestellt wird.
Foto: © KK

Damals befanden sich schon drei stolze Burgen in seinem Besitz: Schloss Murau, die Frauenburg bei Unzmarkt (sein Lieblingssitz) und Burg Liechtenstein bei Judenburg.

rau Venus auf Reisen#

Trotz seiner kauzigen Minnelieder und wilden Abenteuer war Ulrich ein sehr politischer Kopf und Parteigänger Friedrichs II. des Streitbaren von Babenberg. Als dieser 1236 bis 1238 in Reichsacht und damit in größten Schwierigkeiten war, brauchte der abgesetzte Herzog von Österreich und Steiermark jemanden, der für ihn Kontakt zum Adel hielt und in den Nachbarländern seine Rückkehr sondierte.

Dieser Diplomat war wahrscheinlich Ulrich von Liechtenstein, der genau zu dieser Zeit seine wohl kauzigste Aktion setzte, die er sich privat nie hätte leisten können: 1237 entstieg er in kostbaren Frauenkleidern mit perlengeschmückten Zöpfen als Frau Venus „in Venedig dem Meer“ und zog vier Wochen lang über Friaul, Kärnten, Steiermark und Österreich bis Böhmen von Turnier zu Turnier.

Ihm voran ritten der Marschall, ein Koch und fünf weiß gekleidete Knappen. Zwei Posaunenbläser begleiteten „Frau Venus“ und kündigten ihr Kommen an. In Briefen hatte „sie“ vorab alle Ritter zum Turnier aufgefordert. Jeder, der sie besiegt, würde alle Pferde ihres Trosses erhalten, berichtet Ulrich in seinem „Frauendienst“.

Soweit kam es aber nie, zu stark war Ulrich als Kämpfer. 307 Speere verbrauchte er als Frau Venus, ohne aus dem Sattel geworfen zu werden. Die Feiern danach boten aber stets gute Gelegenheit, mit den Rittern ins Gespräch zu kommen und politische Weichenstellungen vorzunehmen.

So war es sicher kein Zufall, dass sich nach dieser Reise die Länder wieder Herzog Friedrich zuwandten, er aus der Reichsacht genommen – und Ulrich zum Truchsess ernannt wurde.

AUS DEM „ FRAUENDIENST“#

Operation in Graz

Im „Frauendienst“ beschreibt Ulrich seine Lippenoperation (hier auf Neuhochdeutsch):

Da ritt ich hin. Auch er ritt so/ nach Graz. Und dort war ich sehr froh/als gleich ich meinen Meister fand./ Der war bald dienstbereit zur Hand,/ und eines Montagmorgens dann/er scharf zu schneiden mich begann./ Er wollt‘ mich binden – ich wollt’s nicht./ Er sprach: „Wird Unglück angericht‘,/ denn rührt ihr euch bloß um ein Haar/wird es euch schaden. Das ist wahr.“/ Ich sprach: „Ich werde es nicht tun./ Ich bin hierher geritten nun/weil mir mein Übel es gebot – soll ich auch liegen bleiben tot,/ ich rühr‘ mich nicht. Ihr werdet seh’n./ Mag mir’s auch noch so weh ergeh’n.“/ Die Furcht war wirklich nicht so schlimm./ Ich saß auf einer Bank vor ihm,/ mit einem Schermesser darauf/ schnitt er mir meinen Mund dann auf./ Ober den Zähnen schnitt er ab,/ was ich ganz still erduldet hab‘./ Das Schneiden war damit geschehen/und keiner hat mich wanken sehen./ Er hat es meisterlich getan und ich ertrug es als ein Mann./ Da schwoll mein Mund mit einem Mal/viel größer als ein runder Ball./ Er ließ der Wunde so ihr Recht./ Das sah dann meiner Dame Knecht/ und sprach zu mir: „Möget ihr genesen,/ Dann bin ich gerne hier gewesen.“


--> Ulrich von Liechtenstein (AEIOU)



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele