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Die Dronte fliegt!#

Die "Roc" löst die Antonow An-225 als größtes Flugzeug der Welt ab - eine kleine Geschichte der fliegenden Riesen.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 24. April 2019

Von

Edwin Baumgartner


Die Scaled Composites Model 351 Stratolaunch, auch Roc genannt
Die Scaled Composites Model 351 Stratolaunch, auch Roc genannt.
Foto: Robert Sullivan. Aus: Wikicommons, unter PD

Wie nennt man fachfremdsprachlich den Flugzeugenthusiasten? Aviatophilen? Das jedenfalls zergeht ihm auf der Zunge: 117 Meter Flügelspannweite, 73 Meter Länge, 6 Strahltriebwerke, steigt auf 11.000 Meter - welch ein Flugzeug! Das größte aller Zeiten ist es. "Roc" heißt der Riesenvogel, benannt nach dem Wesen aus "Sindbad der Seefahrer". Gebaut wurde die "Roc" von Stratolaunch Systems. Das Nachsehen hat die russische Antonow An-225. Bisher war sie das größte Ding, das sich jemals in die Luft erhoben hat. Immerhin verursachen auch ihre Maße ein gewisses Prickeln: 88,4 Meter Flügelspannweite hat sie, sie kommt auf 84 Meter Länge, wird angetrieben von 6 Mantelstromtriebwerken und erreicht 11.000 Meter Einsatzhöhe.

Das flugunfähige Flugboot#

In Details wie Reichweite und Startmasse dürften die beiden Riesen einander ähnlich sein. Im Bauprinzip unterscheiden sie sich. Die "Roc" hat ausschließlich den Zweck, Raumgleiter in Starthöhe zu bringen. Die An-225 wurde ebenfalls dafür gebaut, aber die Russen dachten praktisch und konstruierten das Flugzeug so, dass es als Superluftfrachter einsetzbar ist.

Luftfahrtaffine erheben freilich längst mahnend den Zeigefinger: Gab’s da nicht, bitteschön, ein Flugzeug, das in der Größe zwischen der "Roc" und der "An-225" lag und diese, genau genommen, auf den dritten Platz verweist? Im Grund haben sie recht. Allerdings fällt einem bei diesem Kapitel die Dronte ein, der feiste, flugunfähige und ausgestorbene Taubenvogel. Wobei die "Fichtengans" wenigstens schwimmen konnte. "Spruce Goose" nämlich wurde die Hughes-4 genannt, ein Flugboot mit 97,54 Metern Spannweite. Die Maschine sollte US-amerikanische Militäreinsätze unterstützen. Der Milliardär Howard Hughes hat sie ursprünglich "Hercules" genannt.

Nun kann man dem griechischen Halbgott manches nachrühmen, nur besondere Qualitäten als MyFO (Mythisches Fliegendes Objekt) sind keine darunter. So gesehen war der Name gar nicht so falsch, denn vom Wasser ist die Hughes-4 nie recht hochgekommen. Der Jungfernflug am 2. November 1947 ist ihr einziger Flug geblieben, und Höhenflug war er keiner: Gerade einmal 1,5 Kilometer hat sie in 20 Meter Höhe zurückgelegt. Danach ist die Fichtengans im Hafenwasser gedümpelt, bis sie 1992 ins Evergreen Aviation Museum in McMinnville, Oregon, gebracht wurde.

Man sieht schon: Wenn es um die Größe geht, spielt bei Flugzeugen die Spannweite eine Rolle. Auf 79,80 Meter bringt es diesbezüglich der Airbus A380 - und auch der schreibt keine echte Erfolgsgeschichte. Zwar hat der doppelstöckige Koloss mit der stumpfen Nase eine unverwechselbare Silhouette, nur gerechnet hat sich das Flugzeug nicht. Einen Bedarf von 1235 Maschinen hat Airbus kalkuliert, heute fliegen 245, verteilt auf ein paar Fluglinien, die mit dem Äquivalent zu einer venezianischen Staatsgaleere vor allem zivile Lufthoheit für sich beanspruchen und auftrumpfen wollen, die Emirates Airways etwa, aber auch die Lufthansa.

Eine fliegende Seegurke#

Die russischen Antonow-Werke sind natürlich nicht nur mit der An-225 bei den Riesen dabei, sie haben mit der An-124 einen weiteren Luftelefanten zu Transportzwecken gebaut, seine Spannweite beträgt 73,30 Meter.

Mit 70,12 Meter Spannweite war die Convair XC-99 das größte jemals gebaute Propellerflugzeug. (Die zuvor erwähnte Hughes-4 war zwar ebenfalls propellergetrieben, der Definition nach aber kein Flugzeug, sondern ein Flugboot.) Das Kuriosum der XC-99 waren die Druckpropeller auf der Flügelhinterseite. Es sah aus, als wären sie falsch herum montiert worden. In einem Wettbewerb um das hässlichste Flugzeug aller Zeiten hätte die 1947 für nur wenige Jahre in Dienst gestellte Britin, eine überdimensionale fliegende Seegurke, beste Chancen. Streitig gemacht würden sie ihr allenfalls von der britischen Bristol Brabazon, einem 1949 in Dienst gestellten Passagierflugzeug mit 70,10 Meter Spannweite, das irgendwie verbaut anmutet: Der spitznasige Rumpf streckt steif die Tragflächen mit vier anämisch aussehenden Propellertriebwerken von sich. Ästhetische Überlegungen haben wohl keine Rolle gespielt.

Und dann ist da natürlich noch die Boeing 747, der legendäre "Jumbo Jet", den im Film "Airport" nicht einmal eine Bombe vom Himmel holt. Merke: Der Jumbo ist nicht nur ein Riese, er ist auch bombensicher. 1970 erhob er sich erstmals in die Luft, mittlerweile existiert er in der achten Version und hat in ihr 68,40 Meter Spannweite.

Einer der bekanntesten Riesen ist die Lockheed C-130, "Hercules" genannt. In dieser Variante tut der Halbgott seit 1954 zumeist fliegenden Transportdienst, unter anderem auch für das österreichische Bundesheer. Die Flugeigenschaften der "Hercules" sind etwas umstritten. Weltweit hat es zahlreiche Zwischenfälle gegeben, viele davon allerdings durch Kampfeinwirkungen verursacht. Die Spannweite liegt um die 30 Meter, sie variiert je nach Typ.

Der leise Gigant#

Auch die Konstrukteure der Nationalsozialisten bauten einen fliegenden Koloss - und der war ein Unikum. Die Messerschmitt Me 321 war nämlich ein Lastensegler, "Gigant" genannt und gebaut, um die Truppen lautlos und damit so unauffällig wie möglich mit Nachschub zu versorgen. 55 Meter Spannweite hatte der leise Riese. Aus ihm entwickelte Messerschmitt dann den sechsmotorigen Transporter Me 323, ebenfalls "Gigant" genannt. Die beiden Giganten waren die größten Flugzeuge ihrer Zeit.

Fast wundert man sich, dass solche Trümmer überhaupt abheben. Ihnen kommt ein physikalisches Gesetz zu Hilfe, das, jenseits aller Formeln, lautet: Wenn man ihn nur ausreichend beschleunigt, fliegt auch ein Ziegelstein. Unter diesen Umständen hätte es am Ende selbst die Dronte noch zum Albatros geschafft. Der nämlich ist der größte flugfähige Vogel, Spannweite drei Meter. Aber alle Riesen aus Holz und Metall schlägt er um Längen - zwar nicht an Größe, nicht an Geschwindigkeit und nicht an Flughöhe, wohl aber an Schönheit.

Wiener Zeitung, 24. April 2019