Seite - 130 - in Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny - Briefe 1938-1945
Bild der Seite - 130 -
Text der Seite - 130 -
3 Briefe
Wahnvorstellungen von einem solchen. Man soll niemals alles getan
haben,wasmanhätte| tunkönnen.Manwird sonstüberflüssig.
Dochdiesnurnebenbei: Schreibmir rechtbaldwieder,meinHase!
DasLiebsteundSchönste!
Neni.
Grüsse O.C. herzlichst und viele Male. Bitte telefoniere Sándor, ich
ließe ihmaufrichtig fürdieSeeleunddenBrief danken.Z. geht es sehr
gut.
P.S. Der Film ist angekommen, und ich habe ihn an Dich weiterge-
schickt. Ist er gut?
54)AnMariaCharlotteSweceny,o.O. [St.Wolfgang],13.[9.1940]
L.L.,m.H.,
vielenDank fürDeinBriefleinvom11. Ich freuemich,daßderFilm
gut geworden ist. Inzwischen wirst Du ja auch mein Brieferl mit den
Masken erhalten haben. Es war, wie gesagt, nicht mehr ganz feststell-
bar, wie es sich damit verhält, und so haben wir Dir ein Assortiment
zusammengestellt.
Was Du in meinem letzten Brief nicht ganz verstanden zu haben
scheinst, ist das folgende: indemAugenblick, inwelchemeinKünstler
alles gesagt hat, waser zu sagen hatte, hört er auf zu leben. Und sicher
lebenauchdieandernMenschennurso lange,bis siegetanhaben,wozu
sie da sind. Man weiß nicht, | was es ist, wozu sie existieren. Aber
irgendetwas ist es, und beim Künstler ist es am deutlichsten. Es lässt
sich insbesonderebeiWildeundbeiStifternachweisen.
Habe ich nun gesagt, ich müsse mir mit selbst sparen, so ist das
vielleicht nicht ganz richtig. Es spart wahrscheinlich mit mir. Ich bin
entweder sehr untalentiert oder sehr spätreif. Nehmen wir – da ich
die Ahnung von vielen Dingen habe, die ich eigentlich leisten sollte, –
das letztere an. In meinem Alter hatten sich viele andre Künstler schon
völlig vollendet. Ich kann Dir aber gar nicht sagen, wie außerordentlich
unvollendet ich bin, – so sehr sogar, dass ich wirklich an mir selber
zweifle. Denn ebenso sehr, wie ich manchmal glaube, noch sehr viel zu
tunzuhaben, ebenso sehrfinde ich,was ichbis jetzt getan, voneiner
argenKümmerlichkeit. |
Andrekönnendas sehr schwerbeurteilen, – istmansichdochmeist
darüber gar nicht im Klaren, was die Menschen, oder einzelne von
ihnen, schon außerordentliches vollbracht haben. Es wird mir freilich
130
Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
Briefe 1938-1945
- Titel
- Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
- Untertitel
- Briefe 1938-1945
- Autor
- Christopher Dietz
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2013
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78887-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 468
- Kategorien
- Weiteres Belletristik