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3.5 Briefe1942
dass er, wenn es dann unsere Sprache noch gäbe, in Jahrhunderten
ungefähr den Rang eines Alkaios hätte, oder Hölderlin sich nähernd,
oderetwasdergleichen.Eraberweißwirklichnichtsdavon.SchonWilde
sagt, daßDichter, die sichdurch ihreKrawattenalsElegants verraten,
schlechte Gedichte machen. Er selbst könnte für einen Gegenbeweis
gelten, wäre er elegant gewesen. Aber er hat sich’s, glaube ich, bloß
eingebildet.Erwar, eigentlich, einganz schlechtangezogenerMensch.
Resultat: die „Intentions“.
BankóhateinenBriefgeschrieben.Er ist inPotsdamLehrer ineinerArt
vonKadettenschule.Dasgiltmir füreigentümlich:esgibtMenschen,die,
| wie in einem richtig gebauten Drama, vom Schicksal – dramaturgisch
–nicht fallengelassenwerden, sondern immerwiedervorkommen.
Wenn ichnur schonRittmeisterwäre!EherhörtderKriegnichtauf.
Dann aber nimmt er bestimmt eine Wendung zum Aufhören. Es steht
uns in diesem Jahr noch sehr schweres bevor. Ich weiß nicht, ob wir
selbst die Dinge, die wir bestehen müssen, werden lenken können, –
bestehenwerdenwirnochvieles.
Ich sprachebenmitPodehl.Er fährtheuteodermorgennachWien,
und ich habe ihn gebeten, Dich sogleich aufzusuchen und Dich viel-
mals zu grüßen. Ich habe mit ihm eine Bindung an die Wiener Film
AG besprochen. Bitte mach auch Du ihn auf die Notwendigkeit dieser
Lösung nochmals aufmerksam. Es ist nämlich ein Erlass heraus, dass
„Kulturschaffende“zubeurlaubensind. Ichdenkemir: ab1.Mai.Hoffen
wir’s. EswärediesesArrangement rechtgünstig.
Wenn mir mein Hase kein Briefpapier schickt, werde ich meinem
HasenkeineBrieferlnmehr schreibenkönnen,dennhiergibt eskeines.
IchkanndochnichtaufKräuter schreiben!M.H.,wer führtDichdenn
an der Pfote? O Gott, valoofst Du Dich wohl nicht? Was macht Deine
Krankheit?
Mir tut das Kreuz ein wenig weh. Ich gehe in Stiefeln und Sporen
(sehr nützlich zum Dichten) herum wie der alte Kottwitz, leicht nach
vorne gebeugt. Ich werde übrigens mit unbeschreiblichem Vergnügen
älter. Was für ein Esel muß man doch sein, ewig jung bleiben zu wollen!
Hier gibt’s zwar im Prinzip wenig zu trinken, in praxi aber doch eine
Menge von Alkoholien. Sonderbarer Widerspruch, – aber es ist so. Nun,
es kann sich ändern. – Mit Forzano mußte ich den ganzen Samstag und
Sonntag wällisch reden. Ich tu’s natürlich viel leichter als französisch
oderenglisch.Merkwürdig ist’s auch,wenn ichSlawischhöre. Ichver-
steh’snicht,undes istmirdoch,alsob ich jedesWortverstünde.–M.H.,
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Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
Briefe 1938-1945
- Titel
- Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
- Untertitel
- Briefe 1938-1945
- Autor
- Christopher Dietz
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2013
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78887-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.5 cm
- Seiten
- 468
- Kategorien
- Weiteres Belletristik