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Algorithmuskulturen - Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
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Valentin Rauer 194 algorithmen in der maritimen funKKommuniKation Die Verwendung von Algorithmen bei räumlich mobilen, interaktiven Objekten gibt es bereits vor der Erfindung von Drohnen. Die bemannte Luft- und Seefahrt kennt seit langer Zeit Praktiken, die Interaktions- und Kommunikationsproble- me in räumlich distanzierten sozialen Situationen algorithmisch lösen. Das zu lösende Kommunikationsproblem des Funkverkehrs besteht in der räumlichen Distanz, die es verunmöglicht, die in Face-to-Face-Interaktionen sonst üblichen indexikalen Gesten (Wittgenstein 1969) zu verwenden. Spre- cher und Adressatenrollen werden bei mehr als zwei Interaktionspartnern qua Gesten und Blicken zugewiesen. Diese indexikalen Komplexitätsreduktionen können in räumlich weit distribuierten Situationen, d.h. in Face-off-Face-Situ- ationen aufgrund des fehlenden unmittelbaren Sichtkontakts nicht mehr ge- nutzt werden. Statt den Adressaten eines Sprechaktes anzublicken oder mit einer Geste auf ihn verweisen, müssen daher indexikal äquivalente Marker ver- wendet werden. Funkalgorithmen treten an die Stelle der deiktischen Gesten und lösen das Indexikalitätsproblem von Face-off-Face-Situationen. Funkalgorithmen sind rein auditiv. Der auditive Algorithmus bedient sich einer vorab von allen in der Situation Anwesenden bekannten kodier- ten Sprechweise. Diese Kodierungen regeln die Fragen, wer bei welcher Si- tuationsdefinition sprechen darf und antworten muss, und wer nur zuhören soll oder nur bei Bedarf und expliziter Aufforderung sprechen darf etc. Wenn beispielsweise eine Situation als ›Notfall‹ (›Mayday‹) definiert wird, dann hat dies andere Interaktionsregeln und Sprecherrollen zur Folge als bei Routine- situationen (›Sécurité‹). Diese Regularien sind vorab festgelegt und von allen gewusst. Beispielsweise bestimmen Algorithmen auch welche Inhalte über dritte Vermittler weitergeleitet werden müssen und wie dies zu realisieren sei. Solche Funkalgorithmen heißen dann beispielweise ›Mayday Relay‹. Das Relay definiert einen Knotenpunkt als Mittler in einer Interaktionskette zwischen Sprecher und Adressaten, wenn letztere aufgrund zu großer Distanzen physi- kalisch nicht miteinander funken können (bei der analogen UKW Funk hängt die Reichweite von der Antennenhöhe und Erdkrümmung etc. ab). Die algorithmischen Konventionen generieren die kommunikative Gewiss- heit, die sonst visuell gestisch, d.h. deiktisch hergestellt wird. So helfen die analogen Funkalgorithmen beispielsweise dabei, das berühmte ›bystander‹ Problem zu lösen. Dabei handelt es sich um ein Problem unterlassener Hilfe- leistung, wenn mehrere Akteure in einer Situation wissen, dass andere Ak- teure ebenfalls Hilfe leisten könnten. Verbunden über eine Telefonkonferenz, beispielsweise, konnten sich die Akteure nicht sehen, dies führte dazu, dass niemand Hilfe anbot. Bei dyadischen Interaktionssituationen oder im Falle von vollständiger Sichtbarkeit der gesamten Interaktionssituation ist das Prob- lem sehr viel seltener (Latane/Darley 1968).
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Algorithmuskulturen Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
Titel
Algorithmuskulturen
Untertitel
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
Autor
Robert Seyfert
Herausgeber
Jonathan Roberge
Verlag
transcript Verlag
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-8394-3800-8
Abmessungen
14.8 x 22.5 cm
Seiten
242
Schlagwörter
Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
Kategorie
Technik
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