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Valentin Rauer
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algorithmen in der maritimen funKKommuniKation
Die Verwendung von Algorithmen bei räumlich mobilen, interaktiven Objekten
gibt es bereits vor der Erfindung von Drohnen. Die bemannte Luft- und Seefahrt
kennt seit langer Zeit Praktiken, die Interaktions- und Kommunikationsproble-
me in räumlich distanzierten sozialen Situationen algorithmisch lösen.
Das zu lösende Kommunikationsproblem des Funkverkehrs besteht in der
räumlichen Distanz, die es verunmöglicht, die in Face-to-Face-Interaktionen
sonst üblichen indexikalen Gesten (Wittgenstein 1969) zu verwenden. Spre-
cher und Adressatenrollen werden bei mehr als zwei Interaktionspartnern qua
Gesten und Blicken zugewiesen. Diese indexikalen Komplexitätsreduktionen
können in räumlich weit distribuierten Situationen, d.h. in Face-off-Face-Situ-
ationen aufgrund des fehlenden unmittelbaren Sichtkontakts nicht mehr ge-
nutzt werden. Statt den Adressaten eines Sprechaktes anzublicken oder mit
einer Geste auf ihn verweisen, müssen daher indexikal äquivalente Marker ver-
wendet werden. Funkalgorithmen treten an die Stelle der deiktischen Gesten
und lösen das Indexikalitätsproblem von Face-off-Face-Situationen.
Funkalgorithmen sind rein auditiv. Der auditive Algorithmus bedient
sich einer vorab von allen in der Situation Anwesenden bekannten kodier-
ten Sprechweise. Diese Kodierungen regeln die Fragen, wer bei welcher Si-
tuationsdefinition sprechen darf und antworten muss, und wer nur zuhören
soll oder nur bei Bedarf und expliziter Aufforderung sprechen darf etc. Wenn
beispielsweise eine Situation als ›Notfall‹ (›Mayday‹) definiert wird, dann hat
dies andere Interaktionsregeln und Sprecherrollen zur Folge als bei Routine-
situationen (›Sécurité‹). Diese Regularien sind vorab festgelegt und von allen
gewusst. Beispielsweise bestimmen Algorithmen auch welche Inhalte über
dritte Vermittler weitergeleitet werden müssen und wie dies zu realisieren sei.
Solche Funkalgorithmen heißen dann beispielweise ›Mayday Relay‹. Das Relay
definiert einen Knotenpunkt als Mittler in einer Interaktionskette zwischen
Sprecher und Adressaten, wenn letztere aufgrund zu großer Distanzen physi-
kalisch nicht miteinander funken können (bei der analogen UKW Funk hängt
die Reichweite von der Antennenhöhe und Erdkrümmung etc. ab).
Die algorithmischen Konventionen generieren die kommunikative Gewiss-
heit, die sonst visuell gestisch, d.h. deiktisch hergestellt wird. So helfen die
analogen Funkalgorithmen beispielsweise dabei, das berühmte ›bystander‹
Problem zu lösen. Dabei handelt es sich um ein Problem unterlassener Hilfe-
leistung, wenn mehrere Akteure in einer Situation wissen, dass andere Ak-
teure ebenfalls Hilfe leisten könnten. Verbunden über eine Telefonkonferenz,
beispielsweise, konnten sich die Akteure nicht sehen, dies führte dazu, dass
niemand Hilfe anbot. Bei dyadischen Interaktionssituationen oder im Falle
von vollständiger Sichtbarkeit der gesamten Interaktionssituation ist das Prob-
lem sehr viel seltener (Latane/Darley 1968).
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Title
- Algorithmuskulturen
- Subtitle
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Author
- Robert Seyfert
- Editor
- Jonathan Roberge
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 242
- Keywords
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Category
- Technik