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242 ImNamenderEmanzipation
muskeinexklusivreaktionäres,konservativesoderpartikularistischesProjekt
war und ist, sondern imGegenteil auch imNamenvonFortschritt,Univer-
salismusundEmanzipationartikuliertwurdeundwird.9 Im»racial histori-
cism«wird die Abwertung der Anderen imNamen bürgerlicher Ideale und
vordemKontrastdesSelbstbildsdesaufgeklärten, liberalenSubjekts formu-
liert.Goldberg selbst zieht in späterenVeröffentlichungendieVerbindungs-
linie vom »racial historicism« des 19. Jahrhunderts zu gegenwärtigen Kon-
struktionendes/dermuslimischenAnderen:»[Nineteenth-centuryracialhis-
toricism]madeof theMuslimthequintessential outsider,ordinarily strange
inways, habits, and ability to self-govern, aggressive, emotional, and con-
niving in contrastwith theEuropean’s urbanity, rationality, and spirituality.
These are prevailing dispositions that continue to dominate contemporari-
ly« (Goldberg 2009: 163).Goldbergs Auseinandersetzungmit der temporali-
sierendenDimension desRassismus erlaubt es, die oft nur verstreutenBe-
merkungenzurRolle vonZeitlichkeit in aktuellenArbeitenzu Islamophobie
undantimuslimischemRassismus ineinensystematischenundhistorischen
Zusammenhangzustellen (vgl.Dietze2009:35;El-Tayeb2016:49-60;Harita-
worn/Petzen2014;Müller-Uri2014:119;Rommelspacher2009a:400;Shooman
2014a: 121). Und sie ermöglicht umgekehrt, den aus dem Interviewmateri-
alherausgearbeitetenDiskursmechanismusderTemporalisierungunterdem
GesichtspunktseinesBeitragszur (Re-)Produktionrassistischergesellschaft-
licherVerhältnissezubehandeln.DieserBezugaufGoldberg10 ist jedochkei-
ne einfache Integration seines Konzepts in das bisher entwickelte theoreti-
sche Rahmenwerk. Das verbietet schon allein die Tatsache, dass Goldberg
9 Vgl.deninKapitel4.2.1vorgestelltenFalldessozialistischen›Meridionalisten‹CesareLom-
brosoundseinerSchüleralseinBeispiel füreinensolchenRassismus.
10 DerBezugbedeutetauchnicht,dassallevonGoldbergin»RacistCulture«und»TheRacial
State«vorgebrachtentheoretischenundhistorischenArgumentegeteiltwerden.Histo-
risch ließesichetwadieDarstellungkritisieren,der»racialhistoricism«seialsReaktion
auf den, undausder liberalenAblehnungdes, »racial naturalism«entstanden.Umge-
kehrtließesichauchargumentieren,dasshistorizistischeElementedesRassismusschon
inder »erstenEtappe«desanthropologischenRassendiskursesderAufklärungvorhan-
denwarenund »die postulierten Entwicklungsunterschiede« erst später naturalistisch
»inSchädelnundKnochenfest[geschrieben]«wurden(Hund2007:14).Theoretischstel-
lenGoldbergsThesen–sowiejenevonChakrabarty–eineAttackenichtnuraufliberale
Fortschrittsideologien, sondernauchauf dasGeschichts- undGesellschaftsverständnis
desMarxismus dar. Der rassistischeHistorizismuswäre demnach auch in denhistori-
schenMaterialismus eingeschrieben, in dessenParadigma sichdie hegemonietheore-
tischeRassismustheorieverortet.AufdiesesProblemwirdinAbschnitt6.4eingegangen.
Im Namen der Emanzipation
Antimuslimischer Rassismus in Österreich
- Titel
- Im Namen der Emanzipation
- Untertitel
- Antimuslimischer Rassismus in Österreich
- Autor
- Benjamin Opratko
- Verlag
- transcript Verlag
- Ort
- Bielefeld
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4982-0
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 366
- Schlagwörter
- Rassismus, Österreich, Islam, Moslem, Fremdenfeindlichkeit, Religion
- Kategorien
- Weiteres Belletristik