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Anton Kuh - Biographie
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107 wie in Staat rechtfertigt, in Stücke zu schlagen: die Moral.25 Gegen Assimilation wie auch Zionismus entwirft Kuh ein drittes Modell jüdi- scher Identität, indem er die »Heimatlosigkeit« in eine kosmopolitische Mission umdeutet, in ein selbstbewußtes, freigeistiges, sozialrevolutio- näres Weltbürgertum.26 Daß Kuh nicht in den Geleisen der beinah formelhaft gängigen Alter- native der jüdischen Moderne blieb  – Assimilation oder Zionismus  –, überfordert neben seinen kühnen Thesen und seiner rhapsodischen Verve so manchen zeitgenössischen Rezensenten.27 Ludwig Ullmann, der Kuhs Essay nicht von ungefähr in eine Sammelbesprechung expres- sionistischer Literatur aufnimmt28  – ihm scheint die »kämpferisch- experimentell-prosodische Broschüre […] im Denkerischen absolut dichterisch, im Logischen durchaus visionär, in Syntax wie Impression vornehmlich intuitiv«29  – und der vermutet, daß Kuh in seinem rapiden Elan »nicht mit mathematischer, sondern mit irrealer Präzision« denke, trifft sich darin mit Kuhs eigener Einschätzung und zumindest vor- übergehender Verwahrung gegen sich selbst im Epilog. Auch Robert Müller steht nach dem »literarischen Genuß« einer »unendliche[n] Kette demagogisch-aphoristischer Sätze, die im einzelnen brillant sind«, mit leeren Händen da, meint, daß sich vom Schwung abstrahierender Vir- tuosität kein Deutscher und auch kein Jude, dem damit ja zuallererst die Leviten gelesen würden, getroffen fühlen werde.30 Enthusiastisch atte- stiert Rudolf Kayser zwar, daß die »Polemik gegen Juden und gegen Deutsche […] kaum je mit schwingenderem Florett und größerer Sicher- heit geführt [ward] als hier«, »daß dieser Kuh ein Zeitpsycholog von turmhoher Klugheit ist«, allein man könne auch von seinem Buch nicht sagen, daß es »irgendwie Hilfe brächte«.31 Desgleichen Julian Gum- perz, der zwar konzediert, daß »Juden und Deutsche« »eine  – viel- leicht  – endgültige Sammlung von Aperçus« zu diesem Thema darstelle und daß, »wer sich dafür interessiert, wie der Jude sich im Schlafzimmer, Bett oder Bordell benimmt«, durch Kuh bestens unterrichtet werde, es fehle aber etwas Entscheidendes: »daß die Frage nicht in die politisch- programmatische Atmosphäre gehoben wird, in der sie nicht nur erst gestellt, sondern auch entschieden werden« könne.32 Daß Kuh mit seinen Hypothesen sehr wohl und gerade jüdischer- seits ernst genommen wird, zeigen nicht bloß die ausführlichen Bespre- chungen der Vorträge vom Winter 1919/1920, auf denen »Juden und Deutsche« fußt, und zeigt nicht erst die Resonanz auf den Essay selbst; wie ernst er genommen wurde, veranschaulicht die Tatsache, daß die Berliner zionistische »Jüdische Rundschau« mit einem Vorabdruck seinen Thesen großzügig Platz einräumt.33
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Anton Kuh Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Anton Kuh
Untertitel
Biographie
Autor
Walter Schübler
Verlag
Wallstein Verlag
Ort
Göttingen
Datum
2018
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-8353-3189-1
Abmessungen
13.8 x 22.2 cm
Seiten
576
Kategorie
Biographien
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