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tung auf die Schaufel: »In den Spuren Nietzsches wandelnd inthronisiert
[Kuh] statt der ›blonden‹ – die ›schwarzhaarige Bestie‹. ›Der Börsejud
als Übermensch‹
– so hätte Kuh seine eigene Ideologie persifliert, wenn
nicht er, sondern ein anderer den Vortrag gehalten hätte.«39
Und während der Rezensent des »Sozialdemokrat« mäkelt, daß es
Kuh wieder einmal nur um eines zu tun gewesen sei: nämlich »das
Bürgertum zu kompromittieren«,40 attestiert Felix Weltsch den Dar-
legungen des Vortragenden in der »Selbstwehr«, daß sie mehr sind »als
geistreiches Spiel; sie sind wahrhaft psychologische Entdeckungen«, ja,
ihnen komme »eine geradezu historische Bedeutung« zu. »Über-
raschende Durchblicke und verblüffende Entschleierungen« verdanke
das Prager jüdische Publikum – das assimilierte Prager jüdische Publi-
kum – dem »bösartigen Entdeckerauge Kuhs«; ein Publikum, dem es
inzwischen eine »liebe Gewohnheit« geworden sei, »daß Kuh einige-
male im Jahre den Prager Juden einige Wahrheiten* sagt, die jeder auf den
anderen bezieht«. Einwände im einzelnen wischt Weltsch vom Tisch,
denn »[d]er unmittelbare Eindruck ist: ein intellektueller Genuß von
seltener Intensität. Ich kann mir kaum eine unterhaltendere Stunde vor-
stellen als einen Vortrag Anton Kuhs«41. Der Rezensent des »Prager
Tagblatts« äußert leise Zweifel an der sozialphilosophisch-diagnosti-
schen Kompetenz Anton Kuhs, hält aber resümierend fest: »Der Saal
war voll und es spendeten dem Sprecher auch jene Reichen Beifall, die
Anton Kuh eine Stunde lang virtuos pathologisch anatomisiert hat«.42
Lange Gesichter hingegen bei seinem Anhang in Wien: Anton Kuh
ist als Mitwirkender bei der am 21. Oktober 1922 im Großen Konzert-
haussaal stattfindenden Veranstaltung »Blatt im Frack (Die gesprochene
Zeitung)« angekündigt, die unter lautstarken Protesten des enttäusch-
* Kuh wirft den Prager Deutschen vor, daß sie die deutschliberale Tradition
zur Vereinsmeierei hätten verkommen lassen: »So war Deutsch-Prag, geistig
immer um ein Inselalmanach-Jahr voraus, politisch um 30 Jahre zurück.
Und so wurde jene Politik, zeitfremd und ausgedorrt wie sie war, am Ende
bloß zum Tummelplatz für Eitelkeit, Strebertum, Couleurbrüderei. Wo
früher Männer stritten, Geister sich erhitzten, nickten jetzt bärtige Pagoden-
köpfe zum Worte ›nationales Bollwerk‹. Theater, Presse, Bildung – alles
sank zur Vereinssache, zum Gesellschaftsspiel einer gesinnungs- und über-
zeugungsverkleideten Honorigkeit.« Und er zeiht sie der Naivität: Statt
sich mit den Tschechen zu verständigen, hätten sie die Sache der Deutsch-
böhmen zu der ihren gemacht – um sich von ebendiesen teutonisierenden
Sudetendeutschen dann mit »Pfui, Jud!« anpöbeln zu lassen (Anton Kuh:
Das Ideal aus der Großväterzeit. In: Neues Wiener Journal, Jg. 30, Nr. 10.420,
19. 11.1922, S. 5 [Nr. 501]).
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien