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Ein aufsehenerregender »Schlüssellochguck-Prozeß« ist Anlaß für
Kuhs nächsten Auftritt: »Österreich 1924«. Eine polizeiliche Haus-
durchsuchung in der »Privatschule für moderne Sprachen«, Wien I,
Biberstraße 9, schafft am 3. Januar 1924 Klarheit darüber, welcher Art
der »energische Unterricht […] bei strengster Disziplin« ist, den Edith
Kadivec in Zeitungsinseraten anbietet. Die »Sprachschüler«
– darunter
Herren aus den besseren und besten Wiener Kreisen – kommen, um
gegen Bares wegen »mangelnder Lernerfolge« mit Peitsche, Rute, Rohr-
stock oder Riemen strengstens bestraft zu werden. Sie lassen sich’s auch
etliches kosten, um Vorführungen schulischen Versagens von Kindern
mit anschließender körperlicher Züchtigung – die Kinder haben dabei
den Hintern zu entblößen
– entweder als Beobachter von einem Nach-
barraum aus beizuwohnen oder als »Schulinspektoren« Teil der Insze-
nierung zu sein. Die Vorfälle in der »Sprachschule« der Kadivec und der
auf Ende Feber anberaumte »Sadistenprozeß« sind das Tages gespräch.
Edith Kadivec wird am 1. März 1924 von einem Schöffensenat am
Wiener Landesgericht für Strafsachen des Verbrechens der »Schändung«
und der »Verführung zur Unzucht« schuldig gesprochen und zu sechs
Jahren schweren Kerkers verurteilt. Zwei der honorigen Mitangeklagten
erhalten bedingte Freiheitsstrafen von sechs resp. acht Monaten, der Rest
geht straffrei aus. In großen Teilen der über den Fall extrem polarisier-
ten Presse ist von Klassenjustiz die Rede.43
»Ich habe mich in meinem Sonntagsvortrag mit dem Schandurteil,
auf das die große Sensation hinauslief, und der Verlogenheit, in der sich
Polizei und Justiz die Hände reichten, hinlänglich beschäftigt. / Ich
schilderte die großangelegte Tränendrüsenspekulation, mit der die
Staatsgewalt, die das Kind im Dreck verkommen läßt, sich des Wortes
›Kind‹ in jenen Augenblicken bedient, wo das Ziel der moralischen
Amtshandlung winkt. Ich zog zwischen ihrem Verhalten bei
›normalen‹ und ›unnormalen‹ Mißhandlungen einen Vergleich,
um zu beweisen, daß es ihr nicht die Mißhandlung, sondern die
Norm angetan hat. […] / Ich nannte das Ganze abschließend
einen Prozeß, in dem unsere neuösterreichische Justiz […] sich
ihr eigenes ›Strafgesetzbuch‹ schuf und ihren tiefsten Herzens-
wunsch auslebte, nämlich dort, wo die Tatbestände fehlten oder derzeit
noch straflos waren, endlich einmal die ›subjektiven Empfindungen‹,
also wie ich sagte: ›die Geheimvorgänge in der Gegend des Toilette-
fehlers‹, zu bestrafen. Das war nämlich von jeher ihres Rechtstriebs
letzter Sinn: mit der Maske sanitärer Sorge und humanitärer Empörung
unter die Röcke und durch die Hosen zu gucken. Das Kind, das ›nach-
her‹ Zuckerln, Schokolade und Kuchen bekam, in reinen, gutriechen-
Wien,
Musikverein,
Kleiner Saal,
2.3.1924,
16 Uhr:
Österreich 1924
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien