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Anton Kuh - Biographie
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156 Ein aufsehenerregender »Schlüssellochguck-Prozeß« ist Anlaß für Kuhs nächsten Auftritt: »Österreich 1924«. Eine polizeiliche Haus- durchsuchung in der »Privatschule für moderne Sprachen«, Wien I, Biberstraße 9, schafft am 3. Januar 1924 Klarheit darüber, welcher Art der »energische Unterricht […] bei strengster Disziplin« ist, den Edith Kadivec in Zeitungsinseraten anbietet. Die »Sprachschüler«  – darunter Herren aus den besseren und besten Wiener Kreisen  – kommen, um gegen Bares wegen »mangelnder Lernerfolge« mit Peitsche, Rute, Rohr- stock oder Riemen strengstens bestraft zu werden. Sie lassen sich’s auch etliches kosten, um Vorführungen schulischen Versagens von Kindern mit anschließender körperlicher Züchtigung  – die Kinder haben dabei den Hintern zu entblößen  – entweder als Beobachter von einem Nach- barraum aus beizuwohnen oder als »Schulinspektoren« Teil der Insze- nierung zu sein. Die Vorfälle in der »Sprachschule« der Kadivec und der auf Ende Feber anberaumte »Sadistenprozeß« sind das Tages gespräch. Edith Kadivec wird am 1. März 1924 von einem Schöffensenat am Wiener Landesgericht für Strafsachen des Verbrechens der »Schändung« und der »Verführung zur Unzucht« schuldig gesprochen und zu sechs Jahren schweren Kerkers verurteilt. Zwei der honorigen Mitangeklagten erhalten bedingte Freiheitsstrafen von sechs resp. acht Monaten, der Rest geht straffrei aus. In großen Teilen der über den Fall extrem polarisier- ten Presse ist von Klassenjustiz die Rede.43 »Ich habe mich in meinem Sonntagsvortrag mit dem Schandurteil, auf das die große Sensation hinauslief, und der Verlogenheit, in der sich Polizei und Justiz die Hände reichten, hinlänglich beschäftigt. / Ich schilderte die großangelegte Tränendrüsenspekulation, mit der die Staatsgewalt, die das Kind im Dreck verkommen läßt, sich des Wortes ›Kind‹ in jenen Augenblicken bedient, wo das Ziel der moralischen Amtshandlung winkt. Ich zog zwischen ihrem Verhalten bei ›normalen‹ und ›unnormalen‹ Mißhandlungen einen Vergleich, um zu beweisen, daß es ihr nicht die Mißhandlung, sondern die Norm angetan hat. […] / Ich nannte das Ganze abschließend einen Prozeß, in dem unsere neuösterreichische Justiz […] sich ihr eigenes ›Strafgesetzbuch‹ schuf und ihren tiefsten Herzens- wunsch auslebte, nämlich dort, wo die Tatbestände fehlten oder derzeit noch straflos waren, endlich einmal die ›subjektiven Empfindungen‹, also wie ich sagte: ›die Geheimvorgänge in der Gegend des Toilette- fehlers‹, zu bestrafen. Das war nämlich von jeher ihres Rechtstriebs letzter Sinn: mit der Maske sanitärer Sorge und humanitärer Empörung unter die Röcke und durch die Hosen zu gucken. Das Kind, das ›nach- her‹ Zuckerln, Schokolade und Kuchen bekam, in reinen, gutriechen- Wien, Musikverein, Kleiner Saal, 2.3.1924, 16 Uhr: Österreich 1924
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Anton Kuh Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
Anton Kuh
Subtitle
Biographie
Author
Walter Schübler
Publisher
Wallstein Verlag
Location
Göttingen
Date
2018
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-8353-3189-1
Size
13.8 x 22.2 cm
Pages
576
Category
Biographien
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