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den Kleidern herumging und dabei etwas Klavier und fremde Sprachen
lernte – das schnürte ihr das Herz ab! Wäre ihm von Vater-, Mutter-
oder Erzieherhand ohne solche Entlohnung und Pflege das Gesäß
windelweich verdroschen worden
– aber statt namens ›perverser‹ Triebe
im Namen der deutschen Rechtschreibung oder der Arithmetik oder des
Bravseins –, kein Justizherz hätte sich empört. […] Aber ›Perversität‹,
das ist das rote Stammtischtuch von Amstetten, Klagenfurt, Linz, Ga-
blonz und Hinterkikeritzstätten
– das heißt: des Heimats- und Zustän-
digkeitsortes unserer Bureaukratie. / […] Hat die Polizei seinerzeit
nicht selbst voreilig zugegeben, das Verwunderliche sei, daß die Kleinen
von dem mit ihnen getriebenen Mißbrauch keine Ahnung hätten und
mit merkwürdiger Treue an ihrer Mißhandlerin hängen? Daß sie also
–
abzüglich: Schokolade, Zuckerln und Gugelhupf
– nichts anderes bei
ihrer Züchtigung empfanden als jedes geprügelte Kind? Von nun an
wissen auch sie es. Nach zweimonatiger Herumgeschleiftheit durch
Kreuzverhöre haben sie den entscheidenden Knacks. Jetzt erst juckt
der Popo ›pathologisch‹. Jetzt erst hat ihre Seele den Faustschlag. / Also
bitte lieber keine Lüge, meine Herren, die ihr mit so demokratischer
Gebärde den Prinzen Schwarzenberg habt laufen lassen, um euch an
dem jüdischen Teppichhändler schadlos zu halten! […] Die Köpfe der
Bureaukratie sind abgehauen – der korpsbrüderliche, malkontente
Schapsel-Schweif lebt fort. Und tyrannisiert den Staat mit dem ganzen
Haß der Subalternität.«44
Starker Tobak! – Den Anton Kuh immer wieder auch als Theater-
kritiker liefert. Seine naßforsche Manier goutiert nicht jeder. Am Sams-
tag, dem 15. März 1924, fällt der große Mime Eugen Klöpfer aus der
Rolle, um von der Bühne des Raimund-Theaters herab seinen Unwillen
darüber kundzutun, daß Kuh tags davor sich erfrecht hatte, »ein Kunst-
werk von einem Dichter wie Hauptmann [zu] bewitzeln«45. Klöpfer setzt
in der Rolle des Michael Kramer im zweiten Akt seinem flammenden
Plädoyer für ein weltabgewandtes, heiligmäßiges Künstlertum, das im
Satz »Kunst ist Religion« gipfelt, schreiend ein »Ja, ja, Herr Kuh!« hinzu.
Den Darstellern auf der Bühne verschlägt die erregte Improvisation den
Atem. Das Publikum nimmt den temperamentvollen Ausritt zwiespäl-
tig auf. Klöpfer tritt an die Rampe und entschuldigt sich; er habe nicht
anders gekonnt.46
Kuh hatte Gerhart Hauptmanns Künstlerdrama »Michael Kramer«
als »dumpf orgelnde Trivialität; Nebeneinander von Problematik und
Gugelhupf«, als »Mischmasch aus Wahrheit und Plattheit« beschrieben
und die Zeichnung der Künstlerfigur schlicht als frühnaturalistischen
»Schmarrn«.47 Viel eher als ein Künstler sei Michael Kramer – den
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien