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Anton Kuh - Biographie
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162 den Bürgerlichen, die Großen von den Kleinen. ›Eine Sache denken‹ (mit dem inneren Akkusativ), das heißt: vollkommene Einheit von Ge- hirn und Denkobjekt, restlose Imprägniertheit des Geistes durch das Erlebnis. Es heißt: Wissen und aus dem Wissen schöpfen. ›Über eine Sache denken‹ aber: das ist der bürgertypische Dualismus von Geist und Welt, bedeutet Lebensunberührtheit des Gehirns, dem die Probleme des Daseins alle mehr oder minder Hausaufgabenthemen sind. Strindberg und Wedekind  – das waren Denker einer Sache. Sie schauten in die Welt  – und sahen problematisch, Wildgans, Schönherr etc. sind Denker ›über‹. Sie schreiben seit zehn oder zwanzig Jahren in lyrischer, dramati- scher, mundartlicher, symbolistischer, expressionistischer Form unent- wegt deutsche Hausaufgaben. (Wildgans immer, Schönherr manchmal.) Ihr Hirn bringt das Problem nicht mit, sondern trägt es hinein. Deutlich gewahrt der Leser oder Hörer: hie den Dichter  – hie seinen ›Stoff‹. Und da solcherart die Mystik flöten geht, übernimmt entweder ein eigener chorus mysticus oder die Regiebemerkung deren Agenden. […] Gemein- verständlicher gesprochen: Wenn Erotik von der Bühne unappetitlich, übelriechend herabgelangt, so daß kein Mensch an seinem sinnlichen Nerv gestreift wird: dann ist’s Ernstfall: So aber das Schöne, was die Natur uns bietet (verhüte der Himmel!) auch den Sinnen gefiele  – dann ist’s gottlose Schweinerei. / Fazit: Schönherr darf  – Wedekind darf nicht. Denn bei diesem fährt das Problem aus dem Leib in den Kopf und bei jenem aus dem Kopf gegen den Leib. (Der Rest ist Speiben.)«13 Überscharf wird der Kontrast, wenn Kuh Wedekind gegen den »Mittelstands-Wedekind«14 Wildgans ausspielt: Anton Wildgans, »der lyrische Kanzleibeamte«, Bannerträger einer »gesunden Moderne«  – »Gesunde Moderne? Man stelle sich eine Mischung deutschnationaler Grundsätze mit der Kühnheit Wedekinds vor! Die Basis ist kräftig- banal, der Aufbau ultramodern. Der Geist fesch, nur das Fleisch  – mein Gott, wir wissen halt auch schon, was ein Freudenhaus ist. […] Es ist nicht Manier und nicht Eigenart  – es ist Schmockerei.« Wildgans’ Drama »Liebe«: eine »katafalk-düstere Schmockerei in fünf Akten. […] Martin lebt mit seiner Gattin Anna seit neun Jahren in idealer Ehe. […] ein ewiger Himmel der Langeweile«  – bis der »polygamische Teufel« an- faßt. Und beim »actus tertius, auch actus symbolicus genannt«, stellt sich bei Kuh eine Erinnerung ein: an Wedekinds »Totentanz«: »Welche unermeßliche Distanz von jenem erkenntnisdurchglühten, keuschen Bordelldrama zu dieser wichtigtuerisch-platten Empfindungsszene.« Gleichwohl sei dieses »banal-verschwätzte Drama« ein bedeutendes Dokument der Zeit: »Der Gretchen-Traum des Gymnasiasten erklärt die Erotik des Bürgers.«15
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Anton Kuh Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Anton Kuh
Untertitel
Biographie
Autor
Walter Schübler
Verlag
Wallstein Verlag
Ort
Göttingen
Datum
2018
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-8353-3189-1
Abmessungen
13.8 x 22.2 cm
Seiten
576
Kategorie
Biographien
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