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den Bürgerlichen, die Großen von den Kleinen. ›Eine Sache denken‹
(mit dem inneren Akkusativ), das heiĂźt: vollkommene Einheit von Ge-
hirn und Denkobjekt, restlose Imprägniertheit des Geistes durch das
Erlebnis. Es heißt: Wissen und aus dem Wissen schöpfen. ›Über eine
Sache denken‹ aber: das ist der bürgertypische Dualismus von Geist und
Welt, bedeutet LebensunberĂĽhrtheit des Gehirns, dem die Probleme des
Daseins alle mehr oder minder Hausaufgabenthemen sind. Strindberg
und Wedekind – das waren Denker einer Sache. Sie schauten in die
WeltÂ
– und sahen problematisch, Wildgans, Schönherr etc. sind Denker
›über‹. Sie schreiben seit zehn oder zwanzig Jahren in lyrischer, dramati-
scher, mundartlicher, symbolistischer, expressionistischer Form unent-
wegt deutsche Hausaufgaben. (Wildgans immer, Schönherr manchmal.)
Ihr Hirn bringt das Problem nicht mit, sondern trägt es hinein. Deutlich
gewahrt der Leser oder Hörer: hie den DichterÂ
– hie seinen ›Stoff‹. Und
da solcherart die Mystik flöten geht, übernimmt entweder ein eigener
chorus mysticus oder die Regiebemerkung deren Agenden. […] Gemein-
verständlicher gesprochen: Wenn Erotik von der Bühne unappetitlich,
ĂĽbelriechend herabgelangt, so daĂź kein Mensch an seinem sinnlichen
Nerv gestreift wird: dann ist’s Ernstfall: So aber das Schöne, was die
Natur uns bietet (verhĂĽte der Himmel!) auch den Sinnen gefieleÂ
– dann
ist’s gottlose Schweinerei. / Fazit: Schönherr darfÂ
– Wedekind darf nicht.
Denn bei diesem fährt das Problem aus dem Leib in den Kopf und bei
jenem aus dem Kopf gegen den Leib. (Der Rest ist Speiben.)«13
Ăśberscharf wird der Kontrast, wenn Kuh Wedekind gegen den
»Mittelstands-Wedekind«14 Wildgans ausspielt: Anton Wildgans, »der
lyrische Kanzleibeamte«, Bannerträger einer »gesunden Moderne« –
»Gesunde Moderne? Man stelle sich eine Mischung deutschnationaler
Grundsätze mit der Kühnheit Wedekinds vor! Die Basis ist kräftig-
banal, der Aufbau ultramodern. Der Geist fesch, nur das FleischÂ
– mein
Gott, wir wissen halt auch schon, was ein Freudenhaus ist. […] Es ist
nicht Manier und nicht EigenartÂ
– es ist Schmockerei.« Wildgans’ Drama
»Liebe«: eine »katafalk-düstere Schmockerei in fünf Akten. […] Martin
lebt mit seiner Gattin Anna seit neun Jahren in idealer Ehe. […] ein
ewiger Himmel der Langeweile« – bis der »polygamische Teufel« an-
faßt. Und beim »actus tertius, auch actus symbolicus genannt«, stellt
sich bei Kuh eine Erinnerung ein: an Wedekinds »Totentanz«: »Welche
unermeĂźliche Distanz von jenem erkenntnisdurchglĂĽhten, keuschen
Bordelldrama zu dieser wichtigtuerisch-platten Empfindungsszene.«
Gleichwohl sei dieses »banal-verschwätzte Drama« ein bedeutendes
Dokument der Zeit: »Der Gretchen-Traum des Gymnasiasten erklärt
die Erotik des Bürgers.«15
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book Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter SchĂĽbler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien