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Zerrbild des Ungemeinen«. Auch wenn er zugesteht, daß die Figuren
von Molnárs Komödie »Gardeoffizier« »nicht vom feinsten Esprit
duften« – dafür haben sie Geist. »Ja, Geist, mag man zehnmal konsta-
tieren, daß er auf magyarisch jüdelt – erotischen Geist.«41 Molnár
glaubt er sogar gegen dessen Wiener Kritiker verteidigen zu müssen, die
»Riviera« als gekünstelt, paradox, unwahr empfunden haben. Ihm hin-
gegen ist Molnárs Stück, »Psychologie und Kenntnis der Leiden vor-
aussetzend, die sich aus langjährigem erotischem Lebenswandel ergeben,
und trotz allem Molnárschen Kandiszucker-Belag dort, wo es um so-
ziale, volkstümlich-schlichte Dinge zu gehen scheint, doch wahr bis in
den leisesten Seufzer«. Und er dreht den Spieß der Wiener Kritik um,
zu deren Schablonen zählt, »den Ungar Molnár – und einige ihm Art-
verwandte – damit zu kitzeln, daß Pest nicht Paris und eine Gulasch-
suppe keine Fasanpastete ist«: Diese Art »Pest« sei »fast schon parise-
rischer als Paris«. Findet es im übrigen ohnehin traurig, daß es offenbar
notwendig ist, darauf hinzuweisen. Aber: »Das heutige Geschlecht
scheint nur noch auf Bronnen, Brecht und Brust geeicht. Weil wir ge-
rade von denen reden: Wenn heute zehn ihrer Art, jeder einzeln blond
und jung und aus der Tiefe seiner Erlebnislosigkeit mit Blutschande-
und Lustmordaffekten protzend, um die Gunst einer unerreichbaren
Dame buhlen, und unter ihnen befände sich der weißlockige, skepti-
sche Molnár: wer trüge, denkt ihr, die Palme davon? Ich bilde mir ein,
daß noch der letzte noch so süß überzuckerte Dialogsatz des ›gerissenen
Routiniers‹ mehr Welt enthält als alles Vatermordgestöhn jener Dichter.
Das entscheidet die Frage!«42
Woher das Mißverhältnis, daß man diesen Produkten der leichten
Muse aus der Feder der »von [Frigyes] Karinthy und Ernő Szép prä-
sidierten Talent-Ungarn« nicht mit der gleichen Achtung wie Beliebt-
heit begegnet? »Man klatscht, kauft, genießt – und sagt doch: ›Buda-
pest!‹« »Es kommt von jener säuerlich-strengen Niveaukontrolle, die
das mittel europäische Untalent seit Kants Zeiten über die Talentierten
eingesetzt hat; von jenen Gewissenshütern, die in der Politik nicht
weniger als in der Literatur ihre Lebensangst in Chaosangst umlügen.
Und ist darum auch dort im Unrecht, wo es im Recht ist. (Molnár-
Verachtung heißt nämlich Wildgans-Schutz.)« Kuh hat etwas übrig für
diese »in solchem Grad möglicherweise nur an der Schwelle des Ostens
und Westens aufzufindende Freude an der Realität, eine unvergallte,
sich ins Nächste und Täglichste stürzende Wirklichkeitsliebe. […] Wo
es um die Freude am Wirklichen geht, dort geht es um mehr als um
Kunst. Nämlich um die Menschen.« »Seit Molnár im ›Liliom‹ ent-
deckte, daß Knoblauch und Schokolade (entsprechend: Milieu und
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien