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»Eine Unternehmung wie jede andere« –
»Die Stunde«
»Die Stunde« hat einen Geburtsfehler: Ihr Herausgeber, Imre Békessy,
1920 von Budapest nach Wien gekommen, sieht sich als hemdsärmeligen
Vertreter des »jungen Kapitals«1 und hat eine, gelinde gesagt, eigen-
willige Auffassung von Journalismus. Was er bringt oder nicht bringt,
soll jedenfalls ihm etwas bringen. Er versteht sich als Dienstleister –
gegen gutes Geld. Entsprechende Honorierung vorausgesetzt, lanciert er
Falschmeldungen, um den Markt zugunsten der Financiers seines Kro-
nos-Verlags, Sigmund Bosels und Camillo Castiglionis, zu manipulieren,
in dem seit November 1920 »Die Börse« erscheint – ein Wirtschafts-
blatt, das dem Platzhirschen, dem »Österreichischen Volkswirt«, bald
den Rang abzulaufen droht und eine ernsthafte Konkurrenz des »Eco-
nomist«, des Wirtschaftsteils der »Neuen Freien Presse«, darstellt
–, ab
November 1924 das von Hans Liebstoeckl geleitete Unterhaltungs-
magazin »Die Bühne« und ab 1925 auch die Rätselzeitung »Die Sphinx«.
Er zwingt Unternehmer, Geschäftsleute, wohlhabende Wiener Zeit-
genossen zur Zahlung größerer Summen oder erpreßt überhöhte Insera-
tenaufträge, indem er mit negativer Berichterstattung über den Ge-
schäftsgang ihrer Firmen oder mit der Enthüllung kompromittierender
Details aus ihrem Privatleben droht.
Die Herausgeber des »Österreichischen Volkswirts«, Gustav Stolper
und Walter Federn, bekommen davon Wind und nennen das Kind beim
Namen und also Békessy in der Nummer vom 7. Juli 1923 einen »Lüg-
ner und Schwindler, der erfundene falsche Nachrichten verbreitet«,
und »käuflich«2. Békessy strengt eine Ehrenbeleidigungsklage gegen
seine, wie er die Auseinandersetzung sieht, »brotneidigen Konkurren-
ten«3 an. Beim Prozeß legt er seine Auffassung von Journalismus offen:
Eine Zeitung sei »keine moralische Institution«, sondern »eine Unter-
nehmung, die ebenso den wirtschaftlichen Gesetzen unterliegt wie eine
Schneiderei oder eine Gastwirtschaft«, »ein Geschäft«, das »auf der einen
Seite mit reinen, auf der anderen Seite mit unreinen Händen geführt«
werde.4
Békessy zieht die Klage zurück, nachdem in Budapest eine Leumunds-
note eingeholt worden ist, die fünfzehn Verfahren wegen Verleumdung,
Erpressung, Betrug, Preistreiberei, Aufwiegelung und Diebstahl auf-
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien