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Sprache eben die moralischen Defekte des Sprechers oder Schreibers
widerspiegle. Oder: für Kraus’ These, daß »die Sprache den Gedanken
nicht bekleidet, sondern der Gedanke in die Sprache hineinwächst«5.
Mit seiner gehässigen Replik im »Wiener Montags-Journal«6 leistete
Harden sich wieder eine jener »Geschmacklosigkeiten«, deretwegen
Kraus mit dem einflußreichsten Publizisten des wilhelminischen
Deutschland gebrochen hatte: Harden hatte 1908 in einer Polemik gegen
Kraus auf dessen Liebesbeziehung zur jungen Schauspielerin Annie
Kalmar als einen »grotesken Roman« angespielt. Entrüstet über die
Indiskretion, hatte Kraus geantwortet: »Mein grotesker Roman lag
Herrn Harden nicht als Rezensionsexemplar vor« und verbat sich –
unter Androhung von zwei Ohrfeigen – die Besprechung seines »gro-
tesken Romans« durch den unberufenen Rezensenten.7
Vom verehrten Vorbild wurde Harden zum – über Jahre hinweg –
erbittert Befehdeten. Die tabellarischen »Übersetzungen aus Harden«,
in denen Kraus in einer linken Spalte Hardensches »Desperanto«8 ab-
druckte und in einer rechten, was es in einfachen, schlichten, nüchternen
Worten bedeuten sollte, wurden zu einer ständigen »Fackel«-Rubrik.9
Hardens gewundene, gestelzte, grotesk verschnörkelte Sprache, der
manierierte Schwulst und pathostriefende Bombast
– »jener […] über-
pfropfte Stil, von dem ein Boshafter einmal gesagt hat, er sei eine Land-
schaft, durch die Mayonnaise fließe«10
– reizten geradezu zur Persiflage.
Kuh indessen verteidigte Harden gegen diese »nachschwätzende Iro-
nie […], die seinen Fehlern und Schwächen nicht das Wasser reichte
und sich mit Witzblattästhetik über seine freistehende Person hinweg-
setzte«,11 wenngleich er zugestand, daß »Hardens Deutsch ein Hecken-
zaun für unbefangene Leser ist, sein Stil eine apokalyptische Grotten-
bahn«. Allerdings gab er zu bedenken, »ob es gerecht ist, das Maß der
Schönschreiberei an einen Mann zu legen, der die Lektürespesen durch
den Inhalt vergilt und sich in der politischen Haltung so vereinsamt hat
wie in der Sprache; weiter: ob man das Recht hat, geschmäcklerisch auf
die Mitteilung zu reagieren, daß einem demnächst der Kopf abgeschlagen
wird. Hardens Aufsätze seit 1918
– eigentlich 1917
– waren eine einzige
Mitteilung dieses Inhalts an das deutsche Volk.«12 Die Hauptsache aber
sei: »diese Sprache buckelte sich vor Gehirn und Erkenntnis; sie hatte
um soviel Fleisch zu viel, als das Betrachtungsobjekt
– Deutschland
– zu
wenig hatte. Ihre Front war […] im Wesen immer die gleiche: der üble
Nationaltypus. Vor dem Krieg und während der ersten Kriegszeit, also
zur Zeit der europäischen Kraftkonkurrenzen, die den Abgrund ver-
deckten, sah ihn Harden als Undiplomaten, Unpolitiker, Uneuropäer;
damals wollte er ihn wecken: Sei ein Engländer! – Sei ein Franzose!
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien