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rade die »österreichische Invasion«, die in Berlin bestens bezahlten
Anschluß gefunden hat, als »Snob-Bediener« hin, jene kleinen Wesen mit
der großen Schnauze, die geistige Terrains mit einer Unumschränktheit
zu beherrschen haben, die ihrem geistigen Fundament nicht im minde-
sten entspricht. Wenn Leopold Jessner mit seiner Ankündigung
»Richard III. wird bei mir ohne Bart gespielt!« vermeint, eine
neue Epoche inszenatorischen Genies einzuläuten, mag das
noch angehen als Vermessenheit, die man belächeln kann. Zum
Weinen indessen die Snob-Bediener, die aus Angst, sie könnten
als vertrottelt gelten, lauthals verkünden: »Endlich weht frische
Luft, der Staub fällt von den Kulissen – Richard III. ohne
Bart … Un-er-hört!«88
»Kunst und Geist sind (nicht eben im Klassen-, wohl aber im Blut-
sinne) immer aristokratisch. / Der neue Kunst- und Geisteslieferant aber,
der heutigentags den Snob bedient, ist ein Plebejer. / Den Plebejer kenn-
zeichnet Unsicherheit; da er weder über ein eigenes Dasein noch über
ein eigenes Antlitz verfügt, so kann er sich nur im Spinnweben-System
schlagfertigen und wechselseitig sich kontrollierenden Urteilens be-
haupten. (Die wahren ›Leiden des jungen Werters‹!) Seine Legitimation
ist der Standpunkt, nicht das Gesicht. Eine General-Ausgabestelle für
›neuen Ton‹ versorgt ihn von Jahr zu Jahr mit dem Stil, der augenblicks
Überzeugtheit am glaubhaftesten macht. / Das ist jetzt in Lob und
Schimpf: der Superlativismus. / Der Ausüber dieses Tons markiert
Asthmakrämpfe des Übervoll-Seins; ein ›Gott helfe mir, ich kann nicht
anders! …‹ kurbelt jeden Satz an; er gestikuliert Undeutlichkeiten –
nicht wissend, daß das Merkmal wahren Geistes und wahrer Kunst die
Präzision ist. […] / Alles Noble ist ehrgeizlos; es erfüllt sich durch sein
Auf-der-Welt-Sein; es leistet durch sein Atmen. Je wertvoller demnach
eine Kunst oder ein Künstler ist, desto mehr fehlt ihm die Ambitioniert-
heit. / Der Ignoble dampft vor Ehrgeiz, vor Durst nach der Leistung.
Bemühtheit vertritt bei ihm die Stelle von Imagination, Grazie, Witz,
Adel, Schönheit. (Überlebte Werte!) Er ernennt die scharfe, schroff-
kantige Durchsichtigkeit des Willens, der einem Nicht-Ich zur Erschei-
nung helfen soll, zum ›neuen Geist‹ und begeistert sich also an der
Kabarettdiseuse, durch deren viereckige, mit der Stoppuhr voraus-
berechnete Gestikulation jener Auftrieb leuchtet; am Schauspieler, des-
sen fettiges Ungestüm, Kopf gegen die Wand!, aus dem Wahlspruch: ›Ich
setz’ mich durch!‹ deklamatorische Energien zieht; am Stückschreiber,
der seinem Aug’ die kahle Vorsätzlichkeit hinbaut; am Filmengel, in
dessen großäugiger Seltsamkeit, wedekindisch gesprochen, ›die großen
Füße geschrieben stehen‹; am Reporter, der ›rast‹, statt exakt zu berich-
Berlin,
Die Komödie,
9.12.1928,
12.15 Uhr:
Der Snob von
Berlin
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien