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prozessen und den Bestrebungen, die Zensur wieder gesetzlich zu ver-
ankern, um etwas anderes gehe: »nicht um Kunst«, wie der deutsch-
nationale »Tag« formuliert, »sondern um einen Kampf für und gegen
kulturelle Volkswerte. Parteibestrebungen«: »Es herrscht Kriegszustand.
Die Liga aber verschanzt sich hinter unehrlichen Begriffskonstruktio-
nen.« Und erntet prompt Applaus von rechts – »Herr Kuh hat das
Verdienst, es ausgesprochen und statt der dumpfen, unehrlichen Ideo-
logie eine ehrliche Gegnerschaft angestrebt zu haben«97
–, während die
Blätter der bürgerlichen Mitte sich damit begnügen, lakonisch sein
Auftreten zu vermerken.
Mit der Stegreif-Rede »Aber das Publikum …!«, angekündigt als
»Der Snob von Berlin (Neue Beispiele)«98, setzt Kuh das »Szene«- und
insbesondere das Prominenten-Bashing fort. Selbst wenn schon der
Vortragstitel ausdrücklich und unmißverständlich ankündigt, daß er
sich über das, über sein Publikum hermachen werde, strömt es ihm in
Scharen zu. So am Samstag, 2. Feber 1929, ¾ 11 Uhr nachts. Es ist
hundekalt, es ist der Höhepunkt der Berliner Ballsaison – und dieses
Publikum füllt die Komödie am Kurfürstendamm bis in die letzten
Winkel der Logen. Und läßt sich von Kuh abwatschen. Er zieht zwar
auch über die Urheber jener »Narkotika fürs Gehirn«, über die
Textdichter jener »schmalzigen Niederträchtigkeiten«, Ope-
rette genannt, her, aber schärfer noch schmäht er jene, die sich
das und überhaupt unterschiedslos alles reinziehen – entrüstet
und unnachsichtig, denn er ist indisponiert, und da erlaubt er
sich Gesinnung, um der flügellahmen Muse auf die Sprünge zu helfen –:
jene, die mit derselben Verzückung vor Richard Tauber und »Frie-
derike« sitzen wie vor der »Revolte im Erziehungshaus« oder Piscators
Unternehmungen. Er wettert gegen das »Narkotikum des unbefreiten
Menschen«, wie er das Theater bezeichnet, und gegen jene, auf die es
wirkt und die aufatmend und entzückt feststellen, daß Goethe die
Friederike nur geküßt habe und daß, zumindest in der Lehár-Operette
»Friederike«, sonst nichts vorgefallen ist. Das deutsche Publikum –
lauter »absolvierte Gymnasiasten«, deren Seele dauernd unterirdische
Refrains singe (»Ich hab’ mein Herz
– –«), das zwei Seelen in der Brust
trage: »die eine sucht die blaue Blume in metaphysischen Gefilden, die
andere ist bestrebt, die besten Betonbrücken der Welt zu konstruie-
ren« … Und dem Publikum tut die Philippika sichtlich wohl: »Pallen-
Massenkundgebungen führen zum Verbot jeder weiteren Vorführung
durch die Filmoberprüfstelle am 11.12.1930. Berlin,
Die Komödie,
2.2.1929,
22.45 Uhr:
Aber das
Publikum …!
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien