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den Sportplatz (oder woanders hin) und den Geist an den Schreibtisch.
Das ist das Unglück. Man soll statt dessen den Eros in die geistige
Existenz aufnehmen. Denn dieser Eros ist die eigentliche Wahrheit der
lebendigen Welt, er ist das Substanzielle, die Sache, auf die es ankommt.
Und so bedeutet, nach Anton Kuh, das Wort Sachlichkeit im Grunde
nichts anderes als Erotik.«119
Auf seinem Parcours von Kant zur zeitgenössischen »Okkasions-
freiheit« läßt sich Kuh über den umtriebigen Sexualforscher Magnus
Hirschfeld, Vorstand des Berliner Instituts für Sexualwissenschaften,
aus, »der sich von schreienden Plakaten herab als wissenschaftlicher
Sachwalter jeder Abart von Erotik anpreist«,120 und erst recht über van
de Veldes weitverbreitete Bücher,* die, so Kuh sarkastisch, das »Mül-
lern«** in die Erotik einführen wollen.
– Dem »Völkischen Beobachter«
ist das alles eins: »Echt jüdische Themata!«121
Ebenso herzhaft der Willkomm der »Dötz«, der den Wiener Auftritt
des Cheferotikers ankündigt: »Eine Kuh im Theater in der Josefstadt. /
Heute um halb 12 Uhr mittags spricht im Theater in der Josefstadt der
jüdische ›Schriftsteller‹ Anton Kuh über ›Sachlichkeit in der Erotik‹. Der
Gegenstand des Vortrages selbst kennzeichnet den Vortragenden wohl
zur Genüge. Kuh ist eine Type jener ›neuen Zeit‹, die im No-
vember 1918 über uns hereingebrochen ist, ein Vertreter jenes
modernen Schrifttums, das, aus dem verfaulenden Blute eines
Wüstennomadenvolkes geboren, jeden Schmutz zur Kunst
stempelt, um auf diesem Wege das Gift der sittlichen Zerset-
zung in das – leider Gottes! – viel zu duldsame Wirtsvolk zu
tragen. Für diese Duldsamkeit, die schon die Grenzen des Erträglichen
überschreitet, zeugt ja die Tatsache, daß ein Vortrag über ›Sachlichkeit in
der Erotik‹ in einer auf deutschem Boden befindlichen Stadt überhaupt
angekündigt und gehalten werden kann, dazu noch von einem Men-
schen, der wahrscheinlich nur eigene Erfahrungen aus den schmutzigsten
Sümpfen der Großstadt zum besten geben kann und der nur einen Be-
rechtigungsnachweis für einen solchen Vortrag aufzuweisen hat, nämlich
das Diplom eines von seiner rasseverwandten Presse großgemachten
* Theodoor Hendrik van de Veldes 1926 erschienenes Buch »Het volkomen
huwelijk« (deutsch: »Die vollkommene Ehe. Eine Studie über ihre Physio-
logie und Technik«. Leipzig, Stuttgart 1926) ist das »Aufklärungsbuch«
der 1920er und 1930er Jahre. Obwohl es auf dem Index steht, erreicht es
1932 die 42. Auflage.
** Vielgepflogenes Fitneß- und Krafttraining, benannt nach dem dänischen
Musterathleten Jörgen P. Müller. Wien,
Theater in der
Josefstadt,
2.3.1930,
11.30 Uhr:
Sachlichkeit
in der Erotik
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien