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Ohren mit dem originalen »Lumpacivagabundus« haben: »In Wien spürt
man diesen Widerspruch zwischen der Gemütlichkeit der Sprache und
der Ungemütlichkeit ihres Inhalts sofort und empfindet ihn als den für
Nestroy typischen höhnenden Satanismus. In Deutschland aber, für
dessen Ohr Gemütlichkeit und Wiener Dialekt dasselbe sind […], bleibt
man, ohne den Sinn jenes Gegensatzes zu verstehen, nur durch einen
Tonfall befremdet, der warm tönende Worte aus kaltem Herzen hinaus-
zuschleudern scheint.«35
Nestroy treibt mit dem Nebeneinander von Sprachvarianten und Stil-
schichten unablässig sein aufgewecktes Spiel und schlägt daraus die Fun-
ken seines Witzes. Meistens macht sich die Sprache im Zwiegespräch
von Umgangsprache und Dialekt, Mundart und burgtheatralischem
Schillerdeutsch, dialektal gefärbtem Idiom und Hochdeutsch Gedanken
über sich selbst. Auf kleinstem Raum dort, wo eine Figur aus den
schwindelnden Höhen angemaßten Stils wieder auf den Boden des Dia-
lekts herunterfällt. Denn nicht alle Charaktere Nestroys bescheiden sich
mit ihrem Sprachg’wandel von der Stange – und erscheinen grotesk
overdressed, wenn sie sich bemüßigt fühlen, einmal geborgte Haute
Couture anlegen zu müssen. Ihre Komik entfalten die Nestroyschen
Bühnentexte besonders dort, wo den Figuren verfänglicherweise ein
Knopf im Sprachg’wandel aufgeht und Blößen sichtbar werden; oder wo
sich die Rede zum Wortschwall bauscht und wülstige Falten wirft.
Die Einebnung der Nestroy-Partitur mit ihren souverän arrangierten
Stimmen, die den Nestroyschen Sprachwitz plattmachte, geht auf die
Kappe der »Volksbühne«. Das ein für allemal festzuhalten, beeilt sich
auch eine Klarstellung des S. Fischer Verlags, in deren Theaterabteilung
das Kuhsche Textbuch erschien.36 Kuh, der seinen Nestroy kennt – er
ist einer seiner literarischen Hausheiligen –, manövriert akribisch mit
den Sprachregistern; nur wenige Wiener Dialektausdrücke wurden,
wie es in den Vorbemerkungen heißt, »dem universal-deutschen Gehör
des Publikums nahegebracht«; so wurde etwa »fechten« zu »betteln«
und das »Mopperl« zum »Dackel«.
Die Scharmützel rund um den Kuhschen »Lumpacivagabundus«
finden eine Fortsetzung. Auf den Vorwurf der Voreingenommenheit,
den Kuh gegen den »Troß-Buben« Nürnberg erhebt, den er als Modell
für eine »groß angelegte Studie über ›Die Morphologie des Jüngeltums‹«
in Betracht zieht,37 repliziert der Angegriffene unter dem Titel »Ein
Autor kränkt sich«: Ausgerechnet Kuh mache sich Sorgen um sauberen
Journalismus, er, der die »rechte Hand« des »wegen journalistischer
Erpressungen steckbrieflich verfolgten« Wiener Zeitungsherausgebers
Békessy gewesen sei.38 Worin Kuh wiederum »die alte Meisterschaft
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien