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sonst bekommt. Es gibt nämlich einen eigenen Geist des Geldes und
alles, was der senil gewordene Kapitalismus in den letzten Jahren ver-
schuldet hat, war Hochverrat am Geiste des Geldes. Man kann nicht
erwarten, daß der Staat wie ein Schokoladeautomat funktioniert, der
Geld herauswirft, wenn man den Voraussetzungen des Gelderwerbens
und -machens untreu geworden ist. Diese Voraussetzung des Geld-
erwerbens, von dem die Financiers vom seligen Amschel Rothschild bis
in Urväters Zeiten ausgegangen sind, ist das Gegenteil von dem, was die
jetzt zu Ende gehende kapitalistische Epoche getan hat: nämlich hinter
dem Geld nicht mehr die Wirklichkeit zu sehen. Diese Epoche hat nicht
mehr die Fähigkeit, den Gelderwerb von allen Illusionen, Idolen und
Phrasen loszulösen, so wie es eben jener Amschel Rothschild konnte.
Hinter dem Geld muß eine Wirklichkeit stehen, nackt und exakt. / Das
war der große Fehler der Nachkommen Amschel Rothschilds wie des
gesamten heutigen Kapitalismus, daß sie eine unnatürliche Ehe zwischen
Geld und Idealismus förderten. / Jetzt ist es so weit, daß der mit sich
selbst nicht fertig werdende Kapitalismus auf Erlösung durch die ret-
tende Bürokratie hofft, die ihm früher eher lästig im Wege gestanden ist
und deren tatsächlicher Wirkungskreis es früher war, in einem Amt die
Bleistifte zu zählen. / Wir haben kein Geld, weil wir auch die Werte der
Kultur und des Geistes, die hinter dem Gelde gestanden sind,
nicht mehr haben. Die wahren Kunstwerte von früher (Burg-
theater, Universität) sind es nicht mehr. Ganz Europa ist wie
die pleite gegangene Amstelbank des Geistes und wir alle müs-
sen uns um die Investitionen betrogen fühlen. Wir sind in un-
seren Hoffnungen getäuscht und verlieren unser Kapital, wenn
wir es auch nicht in barer Münze investiert haben. So können
wir alle den Pallenberg-Schrei ausstoßen, aber man kann sich
auch zu meiner Parole bekennen. Ich proklamierte: Wir verzichten auf
unsere Einlage bei dieser Amstelbank, wir machen uns unser Geld sel-
ber, wir schaffen uns den neuen Geist, der uns nicht gestohlen werden
kann.«33
Vor der späten Soiree zum Thema »Warum haben wir kein Geld?«
im Theater am Ku’damm am 5. Dezember 1931 kursiert ein Witz
– ein
Witz, der peinliches Erschrecken auslöst: Nach Schluß der Vorstellung
seien alle Ausgänge des Theaters von SA-Abteilungen besetzt: »Man
hätte alle so schön beisammen
…« Der Rezensent des »Berliner Lokal-
Anzeigers« registriert denn in der Tat: »Diese wienerisch-berlinisch-
östliche Mischung eines sehr eleganten, sehr über sich selbst lächelnden
Publikums war selbst für ein Theater am Berliner Kurfürstendamm
erstaunlich. Man war ganz unter sich …«34
Hamburg,
Kammerspiele im
Lustspielhaus,
23.1.1932,
22.45 Uhr:
Warum haben
wir kein Geld?
Von Kant bis
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien