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Anton Kuh - Biographie
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348 kräftig erscheinen ihm indessen die bloß im Profil, zumeist im Schat- tenriß gefaßten Fixpunkte physiognomischer Lektüren: der das Gehirn »ausdrückende« Schädel sowie die »festen Teile«: Kinn, Nase, Ohren, Formen und Konturen der Lippen, der Augen und Augenbrauen. Auch wenn Merck von der Gültigkeit der intuitiv über den ersten (präten- diert unmittelbaren, unverstellt wirkenden) Eindruck gewonnenen Ein- schätzung eines Menschen überzeugt ist, widerstrebt es ihm, seine individuellen Erfahrungen und Urteile in ein Lehrgebäude mit dem Anspruch universeller Gültigkeit einzubringen und damit der physio- gnomischen Vision der Lesbarkeit unveränderlicher physischer Merk- male Vorschub zu leisten. Mit der Erkenntnis, daß die Physiognomik in ihrem Anspruch, wenigstens »einige Buchstaben« des »göttlichen Alphabeths«11 lesbar zu machen, letztlich erst das produziert, was sie zu beobachten vorgibt, sie nur lesen kann, was sie selbst geschrieben hat, ist für Merck die Schimäre vom gläsernen Menschen abgetan. Was ihm an Lavaters »Physiognomischen Fragmenten« besonders gefällt, ist ihr hoher Preis  – der ihrer weiten Verbreitung vor sein werde.12 Die akribische Vermessung des menschlichen Schädels machte sich in der Folge insbesondere die Kriminalwissenschaft zunutze und führte am Ende des 19. Jahrhunderts zu den Furore machenden kriminalanthro- pologischen Theorien des Turiner Psychiaters Cesare Lombroso und zur standardisierten photographischen Registrierung und Katalogisierung von Verbrechern. Lombrosos Gruppenbilder von Kriminellen, dieses Inventar des Bösen, weist voraus auf die Abwege pseudowissenschaft- licher Wahnvorstellungen wie der völkischen Rassenphysiognomik. Während Lavater 1772 noch bescheiden postuliert hatte, den Charak- ter, aber ausdrücklich nicht »die zufälligen Schicksale« des Menschen seinem Äußeren abzulesen, war es nun Gemeingut physiognomischer Spekulation, daß einem nicht nur der Charakter ins Gesicht, sondern auch gleich das Schicksal auf die Stirn geschrieben steht.13 Damit gerät der aufklärerische Anspruch, mittels der Lavaterschen »Ausspähungs- kunst des Inneren« in das wahre »Gesicht der Zeit« blicken zu können, den Menschen, der Gesellschaft die Maske vom Gesicht zu reißen und mit großer Gebärde die theatralische Verfaßtheit der Gesellschaft ab- zuschaffen, auf die Abwege des Okkulten und des Obskurantismus, die in den 1920er und 1930er Jahren in schönster Blüte standen. Die deutsche Gesellschaft hatte nach 1918 ein »regelrechtes physio- gnomisches Syndrom« ausgebildet14, suchte unablässig nach dem »Ge- sicht der Zeit«, nach dem »Deutschen Antlitz«. Das noch aus dem 19. Jahrhundert datierende Projekt einer »Nationalen Porträtgalerie« fand in unzähligen Inventaren und Katalogen aller möglichen Kulturen
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Anton Kuh Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Anton Kuh
Untertitel
Biographie
Autor
Walter Schübler
Verlag
Wallstein Verlag
Ort
Göttingen
Datum
2018
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-8353-3189-1
Abmessungen
13.8 x 22.2 cm
Seiten
576
Kategorie
Biographien
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