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kräftig erscheinen ihm indessen die bloß im Profil, zumeist im Schat-
tenriß gefaßten Fixpunkte physiognomischer Lektüren: der das Gehirn
»ausdrückende« Schädel sowie die »festen Teile«: Kinn, Nase, Ohren,
Formen und Konturen der Lippen, der Augen und Augenbrauen. Auch
wenn Merck von der Gültigkeit der intuitiv über den ersten (präten-
diert unmittelbaren, unverstellt wirkenden) Eindruck gewonnenen Ein-
schätzung eines Menschen überzeugt ist, widerstrebt es ihm, seine
individuellen Erfahrungen und Urteile in ein Lehrgebäude mit dem
Anspruch universeller Gültigkeit einzubringen und damit der physio-
gnomischen Vision der Lesbarkeit unveränderlicher physischer Merk-
male Vorschub zu leisten. Mit der Erkenntnis, daß die Physiognomik
in ihrem Anspruch, wenigstens »einige Buchstaben« des »göttlichen
Alphabeths«11 lesbar zu machen, letztlich erst das produziert, was sie zu
beobachten vorgibt, sie nur lesen kann, was sie selbst geschrieben hat,
ist für Merck die Schimäre vom gläsernen Menschen abgetan. Was ihm
an Lavaters »Physiognomischen Fragmenten« besonders gefällt, ist ihr
hoher Preis – der ihrer weiten Verbreitung vor sein werde.12
Die akribische Vermessung des menschlichen Schädels machte sich in
der Folge insbesondere die Kriminalwissenschaft zunutze und führte am
Ende des 19. Jahrhunderts zu den Furore machenden kriminalanthro-
pologischen Theorien des Turiner Psychiaters Cesare Lombroso und zur
standardisierten photographischen Registrierung und Katalogisierung
von Verbrechern. Lombrosos Gruppenbilder von Kriminellen, dieses
Inventar des Bösen, weist voraus auf die Abwege pseudowissenschaft-
licher Wahnvorstellungen wie der völkischen Rassenphysiognomik.
Während Lavater 1772 noch bescheiden postuliert hatte, den Charak-
ter, aber ausdrücklich nicht »die zufälligen Schicksale« des Menschen
seinem Äußeren abzulesen, war es nun Gemeingut physiognomischer
Spekulation, daß einem nicht nur der Charakter ins Gesicht, sondern
auch gleich das Schicksal auf die Stirn geschrieben steht.13 Damit gerät
der aufklärerische Anspruch, mittels der Lavaterschen »Ausspähungs-
kunst des Inneren« in das wahre »Gesicht der Zeit« blicken zu können,
den Menschen, der Gesellschaft die Maske vom Gesicht zu reißen und
mit großer Gebärde die theatralische Verfaßtheit der Gesellschaft ab-
zuschaffen, auf die Abwege des Okkulten und des Obskurantismus, die
in den 1920er und 1930er Jahren in schönster Blüte standen.
Die deutsche Gesellschaft hatte nach 1918 ein »regelrechtes physio-
gnomisches Syndrom« ausgebildet14, suchte unablässig nach dem »Ge-
sicht der Zeit«, nach dem »Deutschen Antlitz«. Das noch aus dem
19. Jahrhundert datierende Projekt einer »Nationalen Porträtgalerie«
fand in unzähligen Inventaren und Katalogen aller möglichen Kulturen
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien