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nicht nur untrüglich aus ihrer Visage, sondern auch an ihrem Gehabe
zu identifizieren imstande ist: an dieser »Eckigkeit und Ungelenkigkeit,
diese[m] Hacken-Zusammenschlagen der Stimme bei gleichzeitigem
Versuch, den Mund zu einem Lächeln zu zwingen, diese[m] Spitzmäul-
chen-Ziehen, während die Augen wie Stahl und Frost dreinsehen, die-
se[m] hoffnungslose[n] Bemühen, die ›Kaserne im Menschen‹ unsichtbar
werden zu lassen«60.
Zahlreich die Parodien auf die Phantasiesprache Adolf Hitlers, dieses
»Schalltrichter[s] mit Umlegekragen«, dieser »behoste[n] Phrase«61, der,
»feiner Herr aus Tullnerbach, das ist sudetendeutsch mit einem Hauch
Hannover«, es »nach Art österreichischer Postkontrolleure für ein Zei-
chen von Bildung [hält], die harten Konsonanten weich anzusetzen und
die weichen hart, sagt ›Ichmöchtebedohnen‹ und ›Ichsähesieja
gommen-
dieherrendiblomatten‹ und jedes Wort klingt wie ein Kommando ins
Leere«62; von Klein Adolf, der den bürokra tisch-admini strativen Nazi-
Jargon schon so perfektioniert hat, als sei er aus Aktenpapier gekro-
chen,63 über ein fingiertes Interview Antoine Delavaches mit dem
deutschen Reichskanzler, das versehentlich nicht im »Paris-Midi« er-
schienen ist64, »Daitschland. Eine neue Führer-Rede«65 bis hin zu einem
Deutsch-Aufsatz von Reichskanzler Adolf Hitler zum Thema »Die
Winterhilfe«, dem »Studienrat Anton Kuh« leider »grammatikalische
Rassenschändung« attestieren muß.66 So wie er als »Professor Strengohr«
1932 schon der Regierungserklärung des Kabinetts Papen das zweifel-
hafte Kompliment machen mußte, in 35 Jahren Lehrtätigkeit keinen
miserableren Deutsch-Aufsatz zu Gesicht bekommen zu haben: »Lauter
papierene Amts-Partizipien und Kundmachungs-Genitive – kein wirk-
liches Tropfen Sprachblut!« Und erst die »möglichst gedrungen und
deutschtümlich« wirken wollenden »furchtbarsten Neuprägungen. Ich
möchte es das Schweinsblasen-Deutsch nennen, weil es sich vor dem
Auge so künstlich aufplustert, wie es vor der Vernunft rasch zerplatzt.«
Resümee der faksimilierten Korrekturen in Kurrent: Niemals vorher
sei die deutsche Sprache so mißhandelt worden als gerade in diesem
Goethe-Jahr
– ergo: Nichtgenügend!67
So genial wie der auf Hitler gemünzte Satz Pallenbergs, den Kuh in
seinem Nachruf auf den Schauspieler kolportiert: »Er sieht aus wie ein
Heiratsschwindler«68, ist Kuhs Schöpfung – nach dem Motto: »Zum
Topf passt Gericht wie zum Tropf das Gesicht« und nach der Erkennt-
nis, daß Phrasen physiognomiebildend wirken (Beispiel: das Durchhal-
ter-in-Eisen-Antlitz Hindenburgs) – »Eintopfgesicht« für die gleich-
geschaltete NS-Visage. Die kulinarische Gleichschaltung – der 1933
von den Nationalsozialisten zur Stärkung der Volksgemeinschaft ver-
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien