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bei der Entlassung von Mitgliedern des Lehrkör-
pers, keine Präzedenz und auch keine rechtliche
oder statutarische Grundlage. Anders verhielt es
sich bei der Aufstellung von Denkmälern: Dazu
waren bereits kurz nach Eröffnung des neuen
Hauptgebäudes 1885 vom Akademischen Senat
Regelungen beschlossen worden. Bevor es zu ei-
ner Ehrung für einen Professor in Form eines
Denkmals kam, sollte eine Frist von fünf Jah-
ren nach dessen Tod verstrichen sein. Diese Frist
wurde 1926 auf zehn Jahre verlängert, es waren
jedoch Ausnahmen davon möglich.5 Die Anträ-
ge für eine Denkmalaufstellung mussten von
der zuständigen Fakultät nach fachlichen Krite-
rien darauf geprüft werden, ob eine solche Wür-
digung angemessen wäre. Nach einer positiven
Beurteilung war es dann die Aufgabe des Aka-
demischen Senats, für oder gegen den Antrag zu
stimmen. Die Kunstkommission des Senats – zu
dieser Zeit als Artistische Kommission bezeich-
net – sollte über die künstlerische Eignung des
Denkmals befinden und auch den geeigneten
Platz im Arkadenhof festlegen. Für die Entfer-
nung eines bereits bestehenden Denkmals exis-
tierten hingegen keine Regelungen.
Die Vorgänge bei der Entfernung von Denk-
mälern aus dem Arkadenhof weisen in ihrem
Ablauf Analogien zur unmittelbar nach dem
„Anschluss“ einsetzenden sogenannten „Säube-
rung“ des Lehrkörpers auf. Dabei folgte auf ei-
ne relativ kurze Phase spontanen Terrors – etwa
durch Verhaftungen und Hausdurchsuchungen6
– und spontaner Vertreibungen von jüdischen
oder den Nazigegnern zuzurechnenden Univer-
sitätsmitgliedern die „geordneten“ und den An- schein der Legalität erweckenden Enthebungen
und Entlassungen, welche vom neuen Unter-
richtsminister Menghin und den neu ernannten
Universitätsfunktionären gesteuert wurden.7 Der
erste Schritt erfolgte durch die Vereidigung der
dazu berechtigten Universitätsprofessoren als Be-
amte am 22. März 1938. Zugelassen war nur, wer
nicht als Jude galt. Dem folgte am 6. April der
Widerruf der Lehrbefugnis der jüdischen Privat-
dozenten durch Erlass des Unterrichtsministeri-
ums. Einen vorläufigen Abschluss vor der feier-
lichen Wiederaufnahme des Vorlesungsbetriebes
am 25. April bildeten für jede Fakultät eigens for-
mulierte Erlässe des Unterrichtsministers, in dem
all jene Universitätslehrer aufgeführt wurden, die
zu beurlauben, zu entlassen oder auf andere Wei-
se von ihrer Lehrverpflichtung zu entbinden sei-
en.8 Die Abgrenzung des von diesen Maßnahmen
betroffenen Personenkreises erforderte jedoch zu-
vor die Mitwirkung aller Instanzen der Universi-
tät, insbesondere auch der Dekanate, die mit der
Erstellung von Namenslisten und den damit ver-
bundenen Erhebungen beauftragt waren. Auch
das ganze restliche Jahr war man mit ungeklärten
Fällen befasst, ehe 1939 im Zusammenhang mit
der Implementierung der „Dozenten neuer Ord-
nung“ eine weitere Vertreibungswelle einsetzte.
Rektor Fritz Knoll war von der Wichtigkeit
dieser Aufgabe überzeugt, hat jedoch die Schwie-
rigkeiten und die Arbeitsbelastungen, welche
der gleichzeitige organisatorische und personelle
Umbau der Universität nach dem „Führerprin-
zip“ mit sich brachten, bei passender Gelegen-
heit gerne betont. „Wir leben hier immer noch
in einem Wirbel“ und „Wir haben eine unge-
thomas
maisel120
5 T. Maisel, Gelehrte in Stein und Bronze. Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien, Wien/Köln/
Weimar 2007, S. 11.
6 A. Massiczek, Die Situation an der Universität Wien März/April 1938, in: Forschungen und Beiträge zur Wiener
Stadtgeschichte, 2, 1978, S. 222.
7 Siehe dazu etwa K. Mühlberger, Dokumentation Vertriebene Intelligenz 1938. Der Verlust geistiger und menschli-
cher Potenz an der Universität Wien von 1938 bis 1945, Wien, 2. Aufl. 1993, S. 7–9; A. Müller, Dynamische Adap-
tierung und „Selbstbehauptung“. Die Universität Wien in der NS-Zeit, in: Geschichte und Gesellschaft, 23/4, 1997,
S. 595–607.
8 Müller, Dynamische Adaptierung (zit. Anm. 7), S. 602.
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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Titel
- Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Herausgeber
- Ingeborg Schemper-Sparholz
- Martin Engel
- Andrea Mayr
- Julia Rüdiger
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- WIEN · KÖLN · WEIMAR
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20147-2
- Abmessungen
- 18.5 x 26.0 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
- Kategorien
- Geschichte Chroniken