Seite - 215 - in Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
Bild der Seite - 215 -
Text der Seite - 215 -
abgesehen, mochte dies auch damit zusammen-
hängen, dass seit Heinrich VIII. eine bestimmte
Zahl hingerichteter Verbrecher für medizinische
Zwecke zur Verfügung gestellt wurde. Dieses
Verfahren fand seine Bestätigung im „Murder
Act“, einem Gesetz von 1752, welches es erlaub-
te, den von einem Mord befleckten Leichnam
der öffentlichen Autopsie zu unterziehen. In der
breiten Öffentlichkeit galt das Sezieren also als
eine über den Tod hinaus verlängerte Form des
Bestrafens. Goethes Brief und Benthams Testa-
ment belegen ihren Willen, gegen diesen Irrglau-
ben vorzugehen.
Goethe und Bentham starben beide in kur-
zem Abstand voneinander 1832, bevor sie ihre An-
strengungen prämiert sehen konnten: Genau in
demselben Jahr segnete das House of Lords den
„Anatomy Act“ ab, der die Sezierung aus dem
Kreis der zu bestrafenden Post-mortem-Praktiken
strich und es Medizinern und Forschern ermög-
lichte, sich den zur Verfügung stehenden Ver-
storbenen anzunehmen und so das Problem des
Auftreibens der Kadaver zum größten Teil zu lö-
sen. Bentham hatte sich also höchstpersönlich
zur Verfügung gestellt, damit den anatomischen
Studien ein unverzichtbarer Wert für den Fort-
schritt der wissenschaftlichen Erkenntnisse aner-
kannt werden konnte: Er hatte dabei nicht nur
seinen Namen, sondern auch seinen Körper her-
gegeben, weil er sich schon als Junge fragte, ob
und wie er auch nach seinem Tod noch von ei-
nem Nutzen für die Gesellschaft sein könnte.
Dies reichte ihm jedoch nicht. Sollte sein
wissenschaftlicher Beitrag auf dem kalten Tisch
eines Operationssaals, unter den Augen von
Dutzenden von Menschen, enden? War es mög-
lich, dass es nichts anderes gab, um der wissen-
schaftlichen Sache zu dienen? Solche Fragen
müssen die Gedanken des englischen Philoso- phen für lange Zeit aufgewühlt haben, bis er sich
1824 dazu entschloss, seinem Testament ein Ko-
dizill hinzuzufügen. Nachdem er die Absicht be-
stätigt hatte, den eigenen Leichnam in the most
public manner5 sezieren und die Weichteile für
zukünftige Studien konservieren zu lassen, be-
eilte sich Bentham, neue Instruktionen zu ge-
ben: As to the head & rest of the skeleton, it is my
desire that the head may by preparation after the
New Zealand manner be preserved, & the entire
skeleton with the head above it & connected with
it, be placed in a sitting posture, & made up into
the form of a living body, covered with the most de-
cent suit of clothes. And whereas it has occurred to
me that some of my friends may be eventually dis-
posed to meet at a club in commemoration of my
birth & death, my desire is, that in that case order
may be taken by my executor, for such my skeleton
seated in an appropriate chair, to be placed, on the
occasion of any such meeting, at one end of the tab-
le after the manner in which, at a public meeting,
a chairman is commonly seated.6
Es ist der erste Anklang an das, was hier als
Effigy7 definiert, später aber zur Auto-Ikone um-
getauft wird, ein Neologismus, der in der letzten
Version des Testaments erstmals auftaucht. Der
Autor dieser Seiten, die der Philosoph lediglich
gegenzeichnet, ist in der Tat ein Arzt, Thomas
Southwood Smith: Er wird es sein, der die Grab-
rede zur Erinnerung an Bentham hält und der
in den darauffolgenden Tagen mit der Behand-
lung seiner sterblichen Reste fortfährt. Fünfund-
zwanzig Jahre später sollte Southwood Smith sei-
nem Kollegen William Munk in einem Brief das
angewandte Verfahren erklären und dabei zeit-
gleich die problematischen Aspekte herausstel-
len: I endeavoured to preserve the head untouched,
merely drawing away the fluids by placing it under
an air pump over sulphuric acid. By this means the
Der Körper als MonuMent 215
5 J. Bentham, Codicil to Bentham’s Will, 29 March and 9 October 1824, in: Bentham’s Auto-Icon and Related Wri-
tings (hrsg. von J. E. Crimmins), Bristol 2002, S. 5–7: 6.
6 Ebenda.
7 Ebenda.
zurück zum
Buch Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa"
Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Titel
- Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Herausgeber
- Ingeborg Schemper-Sparholz
- Martin Engel
- Andrea Mayr
- Julia Rüdiger
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- WIEN · KÖLN · WEIMAR
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20147-2
- Abmessungen
- 18.5 x 26.0 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
- Kategorien
- Geschichte Chroniken