Seite - 155 - in Auf die Tour! - Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
Bild der Seite - 155 -
Text der Seite - 155 -
MännlicheDamen,weiblicheMänner 155
GewissermaßendenUrtypusdererstenVolkssängerinnenverkörperte in
den1880er Jahren,demChronistenderVolkssängerszeneJosefKollerzufolge,
dieausBudapest stammendeAmaliaSeidler, imVolksmunddie„Seidler-Mali“
genannt.159AmaliaSeidler (auchZeidler) spieltebei einemdergroßenWiener
Konzessionäre undGesellschaftsleiter, KarlDrexler (1833–1883), der nach
seiner aktivenKarriere als SchauspielerDrexler’s Singspielhalle imWiener
Praterleitete.NebendemEngagementalsSängerin,stelltedieserAmaliaSeidler
außerdemzurPflegeseinerverwaistenKinderein:
[…]Drexler nahm seine erste Sängerin, Amalia Zeidler, zur Pflege seiner verwaisten
kleinenKinder eineKollegin insHaus,welchenun liebevoll für dieVerwaisten sorgte,
dieWirtschaftalsechteHausmutter leiteteundAbends[!]mit ihrerbrillanten, frischen,
unverwüstlichenStimmeundihremschneidigenWesendiekeckstenJodler,dieverblüf-
fendstenTriller in fescher,unvergleichlicherWeisezumBestengab.160
Die jüngsteTochterDrexlers,dieAmaliaSeidlergroßzog,warAnnaDrexler.
AnnaDrexler sollteeineVolkssängerindernächstenGenerationwerdenund
1885denberühmtenGesangskomiker JosefModlheiraten.161
MitAmaliaSeidler,AnnaDrexlerund ihrenbaldzahlreichvorhandenen
Kolleginnenmussten jedenfallsdieFrauenrollennichtmehrvonMännern in
Verkleidunggespieltwerden.DiesichetablierendenVolkssängerinnen,soteilte
die InternationaleArtistenRevue ihrenLeser*innenmit,waren„keckeHaus-
mütter“,dieabendsdieGesellschaftunterhielten.162 IndenfolgendenJahren
nahmdieFigurderVolkssängerinrespektiveEtablissementkünstlerinzuneh-
mendobszönereZügean.DamiteinhergehendkamdenGeschlechterrollen
eineungeahnteGender-Mobilität zu.DaszuvorwegenmangelnderFrauenin
derSzenenotwendigeGender-Bending,nämlichdasSpielenvonsogenannten
„Hosenrollen“odereigentlich„Rockrollen“, inwelchenMännerFrauenmimten,
etabliertesichnunbaldalsbewusste Inszenierung.DieFrauengabenaufder
BühneimmeröfterdenMann.Sogar,wennFrauenundMännerineinemStück
gleichzeitigmitwirkten,gabesdiesePraxisderRolleninterpretation,diesich
besondererBeliebtheit erfreute.
DiePraxisdesGender-Bendings ist inderForschungzurPopulärkultur in
WienundBudapestvölligunbeachtet.AuchfürdasNewYorkderJahrhundert-
wendegibtesbeinahekeineAuseinandersetzungenmitGender-Mobilität in
159 Koller,DasWienerVolkssängertuminalterundneuerZeit,32–33.
160 „DieTragödiedes ‚Volkssängerthums‘“, IAR,1.3.1895,1–4.
161 IAR,1.3.1895,2. JosefModlwarMitbegründerderBudapesterOrpheumgesellschaft,aktiver
Vereinsobmanndes InternationalenArtistenvereinsDer lustigeRitter undeine gefeierte
Größe derWienerwie auchBudapester Etablissementszene. ZuModl siehe auchHödl,
ZwischenWienerliedundDerkleineKohn,73und95.
162 IAR,1.3.1895,1–4.
© 2021 by Böhlau Verlag Ges.m.b.H & Co. KG, Wien
https://doi.org/10.7767/9783205211884 | CC BY 4.0
Auf die Tour!
Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
Zwischen Habsburgermonarchie und Amerika
- Titel
- Auf die Tour!
- Untertitel
- Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
- Autor
- Susanne Korbel
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21188-4
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 272
- Kategorie
- Kunst und Kultur