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196 Dieurbanen„Busentempel“alsMöglichkeitsräume
WiedasStückDieReisenachParis zeigt, griffdiepopuläreKultur zeitge-
nössischeDiskurseüber technischenFortschritt undurbanesLebensgefühl
derZukunftnur zugerne auf.Die SehenswürdigkeitenaufderWeltausstel-
lung inPariswurdenmannigfaltigdiskutiert.Erfindungenwiedassogenannte
„rollendeTrottoir“repräsentierteneinneuesurbanesBewegungsgefühlund
einemoderneAdaptiondesFlanierens.EswargewissermaßenWirklichkeit
gewordeneUtopie. Stadtbürger*innengemütlicherenTypskonntensichauf
diesembewegtenGehsteig durchdie Stadt bewegenundgleichzeitig einen
Kaffeeplauschführen.KörperlicheRuheverunmöglichteesnichtmehr, sich
dennochimurbanenRaumzubewegenundsichdasurbaneUmfeldanzueig-
nen.Waszuvor inKutschenerprobtePraxisderprivatenFortbewegungsart
war, fandim„rollendenTrottoir“nuneineWeiterbewegungsmöglichkeit für
diebreiteÖffentlichkeit. Eine Idee, die auchdenpopulärenKünstler*innen
gefielunddiesiemitallenteilenwollten.
5.2 Populärkulturals interkulturellerundkosmopolitischerRaum
DerneueBewegungsdrangderMenschenschlugsichalsMotiv inderPopu-
lärkulturnieder.EswardieMobilitätderMigrant*innen,diegesellschaftliche
Bewegungsymbolisierte.EserlangteReisenauchdaalsbürgerlichesPhänomen
Beliebtheit.DiekleineSommerfrische innahenErholungsgebieten,wie inden
WieneroderdenBuda(pester)Bergen, repräsentierteReisenfür jedermann:
„[a]lleWelt reist[e]“, soTheodorFontane(1819–1898).64UnddieBesucher*in-
nenderEtablissementsbegabensich indenAufführungenmitdenStücken
aufReisen.65WiediebisherdargelegtenBeispielezeigten, interpretiertendie
StückedasMotivdesReisensalsPraxisverschiedenerArtenvonMobilität66
unterschiedlich:alsPraxis inMigrationsprozessen,alsAusdruckeinesbürger-
lichenLebensstils, alsberufsbedingtunddempersönlichenAufstiegdienend
aberauchalsBewegungundKatalysatorzwischenBekanntemundUnbekann-
ten.DochwelcheSchlüsse lassensichdarausüberdieAssoziationenvonund
mitReisengewinnen?WarumgriffenKünstler*innengeradediesesMotivauf?
Verbarg sichdahinter einebesondere Strategie, undwenn ja,was sollte die
MetapherdesReisensbewirken?WiekönnendieEvidenzundFunktionvon
64 TheodoreFontane,Unterwegsundwiederdaheim(München:NymphenburgerVerlagshand-
lung,1972),7.DerAufsatzModernesReisen, ausdemdieTextpassagestammt,wurde1894
publiziert.
65 ZuReisenalspopuläresGesellschaftsphänomensieheHermannBausinger,PopuläreKultur
zwischen1850unddemErstenWeltkrieg,in:KasparMaase,WolfgangKaschuba(Hg.),Schund
undSchönheit:PopuläreKulturum1900(Wien,Köln,Weimar:Böhlau,2001),29–45,40–42.
66 Schlör, „SolangewiraufdemSchiffwaren,hattenwireinZuhause“,229–232.
© 2021 by Böhlau Verlag Ges.m.b.H & Co. KG, Wien
https://doi.org/10.7767/9783205211884 | CC BY 4.0
Auf die Tour!
Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
Zwischen Habsburgermonarchie und Amerika
- Titel
- Auf die Tour!
- Untertitel
- Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
- Autor
- Susanne Korbel
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21188-4
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 272
- Kategorie
- Kunst und Kultur