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208 Dieurbanen„Busentempel“alsMöglichkeitsräume
einerSpracheaufgewachsenzuseinundbestimmteFloskelnandererSprachen
fürdenalltäglichenGebrauchzubeherrschenundunhinterfragtwieselbstver-
ständlich imAlltagssprachgebrauchzuverwenden.SowareskeineSeltenheit,
dassUngarischalsErstsprache,DeutschalsSchulspracheundbeispielsweise
TschechischalsVerhandlungssprachezurSprachrealitätderBudapesteroder
WienerBevölkerunggehörten, ebenso,wiedieNewYorkerBevölkerung in
einerMischungvonYiddisch,EnglishundItalienischkeineBesonderheitaus-
machte.Erst die zunehmendenNationalismenwarendarumbemüht, diese
polyglotteSprachrealitätdesAlltagszunegieren.102
WielebensnotwendigsichebennichtdieeineSprache,wievondenNatio-
nalistenproklamiert, sonderndasBeherrschenverschiedener Sprachen (in
unterschiedlichenElaboriertheitsstufen)erwies, zeigtdasStückDerAfrikarei-
sende.HierwirddasAushandelnzwischeneinerDifferenzierungundeiner
IdentifikationmitdemTschechischenimZusammentreffeninder„jüdischen
Wüste“miteinemLöwen,derdenProtagonisten fressenwill, evident.103Alser
zudemLöwen„strcprstskrskrk”(steckdenFingerindenRachen)sagt,beginnt
dieserzu lachen, ihnfreundschaftlichanzublickenundwendet sichschließlich
ab.Wenzl JerabekerklärtdasdemPublikumfolgendermaßen:„Undwie ima
denKerlgenaueranschau, sich i,daßerzwaSchwafelnhat.Erwarböhmischer
Löwe,Landsmannmeiniges.“104DieantiböhmischenStereotypegehöreneben-
sozumDenkendesProtagonistenwiedasHoffenundFluchenaufTschechisch
undein inprekärenSituationen(wieder lebensgefährlichenBegegnungmit
demLöwen)auftauchender tschechischerPatriotismus,vielleicht sogarNatio-
nalismus.Damitzeigt sichnichtnureinmalmehr,wiesichsprachlicheVielfalt,
nationaleDiskurseundZuschreibungendes„Jüdischen“überlappten, sondern
auch,dassderenvermeintlicheOppositionals realitätsfernerkanntwurde.Das
ZusammentreffenmitdemLöwenkannalsparadigmatischerAusdruckdafür
gesehenwerden,dass ineinerabsolut fremdenSituation, inderüblicherweise
nurDifferenzempfindungerwartetwerdenwürde,dochauchBekanntesund
Ähnlichesspontanartikuliertwerdenkönnen:Als sichnämlichderLöweum-
102 DassdieBemühungen, alltäglicheMehrsprachigkeit zunegieren,nicht erfolglosblieben,
spiegelt sichnachwievoreindringlich indenhistoriographischenNarrativen,die sichüber
dieHabsburgermonarchiefinden,wider.SiehehierzuZahra, „ImaginedNoncommunities“,
93–119.ZurFunktionvonSprachvariationenundMehrsprachigkeit inStückensieheBill
Ashcroft,GarethGriffiths,HelenTiffin,TheEmpireWritesBack:TheoryandPractice in
Post-colonialLiteratures (London,NewYork:Routledge,2002),50–76.
103 DavidRechter, „EthnicityandthePoliticsofWelfare:TheCaseofHabsburgAustrianJewry“,
SimonDubnowInstituteYearbook1(2002):257–276.
104 SieheWappentierdesKönigreichsBöhmen.HeinrichEisenbach,DerAfrikareisende.NÖLA,
NÖReg.Präs.TheaterTB–TextbücherderTheaterzensur116/3.
© 2021 by Böhlau Verlag Ges.m.b.H & Co. KG, Wien
https://doi.org/10.7767/9783205211884 | CC BY 4.0
Auf die Tour!
Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
Zwischen Habsburgermonarchie und Amerika
- Titel
- Auf die Tour!
- Untertitel
- Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
- Autor
- Susanne Korbel
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21188-4
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 272
- Kategorie
- Kunst und Kultur