Seite - 215 - in Auf die Tour! - Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
Bild der Seite - 215 -
Text der Seite - 215 -
Beziehungenunddas Intime 215
IndiesemStück steht den sonst als betörendeBühnenvamps agierenden
weiblichenCharakterendie„jüdischeStraßensängerininNewYork“gegenüber.
InThomashefskysVersiondesGlöcknerswurdedie Straßensängerinnenan
derBoweryzumInbegriffvon„lowscaleprostitution“.Zudemstellt sie eine
neueFormdesBettelns, eineArtVerbindungzwischenBettelwesensundder
Populärkultur,dar.DasStückbekamdenTitelDerBeitHmdrshointerdererd
oderdaIdisheShtroßenZengerin (Straßensängerin)undwurdeam4. Jänner
1903erstmalsalsEinakter,danninneuerundkürzererVersion1907,schließlich
1928alsKurzposseaufgeführt.122
DasStückhandeltvoneinemjüdischenStraßenmädchen,dasverwaistbei
einemRabbianderBoweryaufwächst.DemTitelDieLehrjahre inderHölle,
oderdasDaseinals jüdischeStraßensängeringerechtwerdend, istdieverwaiste
Hauptprotagonistin ab dem jungen Erwachsenenalter dazu gezwungen, in
den Straßen zu singen, um sich einen Lebensunterhalt zu verdienen. Bald
allerdingssingt sienichtmehrnur für ihrPublikum,sondernmuss,umnicht
zu verhungern, sexuelleDienste anbieten. ZurZeit der Erstaufführungdes
Stückes hatte Prostitution an der Lower East Side imAllgemeinen und an
derBowery imBesonderenmassivzugenommen.AlleinentlangderBowery
gabes innerhalbvonzehnBlöckenrund70StättenderProstitution.123Das
WerbenumpotentielleKundenindenStraßengingbeinaheschonaggressiv
zu.UnabhängigvonTages-oderNachtzeitwarbendieProstituiertenfüreine
„guteZeit“mit ihnen.124
ImStückgibtes insgesamtzwölfCharaktere.Alle, außerdieder„jüdischen
Straßensängerin“Florendin, sind zugleichals italienischewie auch jüdische
Charaktereentworfen:DonaEsteladeSillvaoderEsterdeShlomo,Tsiperania
oderTsiporah.DieFigurenunterliegenzudemderschonangesprochenenPraxis
desGender-Bendings.EinpaarsindsowohlalsFrauen-alsauchMännerrollen
(RafaeloderRafaela)konzipiert.AußerdemkönnenandereCharaktere (au-
ßerFlorendin)vonMännernoderFrauengespieltwerden:Schauspielerinnen
konntendieMännerrollenverkörpern,wieauchSchauspielerdieFrauenrollen
spielenkonnten;dasheißtEsterdeShlomokonntevoneinemMannverkörpert
werden.
122 J.Greenfieldbearbeitete dasManuskript für dieAufführung einer gekürztenVersion ab
7.März 1907.AufgrundderAnmerkungen imManuskript kannvermutetwerden, dass
Greenfieldnur etwazweiDrittel derFigurenübernahm. ImManuskript vermerkteMax
Friedländer,dasserdieVersionvonMai1925bearbeitete.
123 Gilfoyle verzeichnet für die Bowery zwischen 1900 und 1909 zumindest 56 Stätten der
Prostitutionmehralsnochinden1880er Jahren.TimothyGilfoyle,CityofEros:NewYork
City,Prostitution,andtheCommercializationofSex,1790–1920(NewYork,London:W.W.
Norton,1992), sieheAbbildungen9und10auf200–201.
124 Gilfoyle,CityofEros,215–218.
© 2021 by Böhlau Verlag Ges.m.b.H & Co. KG, Wien
https://doi.org/10.7767/9783205211884 | CC BY 4.0
Auf die Tour!
Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
Zwischen Habsburgermonarchie und Amerika
- Titel
- Auf die Tour!
- Untertitel
- Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
- Autor
- Susanne Korbel
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21188-4
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 272
- Kategorie
- Kunst und Kultur