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DasPrivate imUnterwegssein 223
UnterkünftenaufReisenkameinenambivalenterRufzu.Hotelsgaltenals
gefährlich.Kriminalitätwar in ihnenkeineSeltenheit.Übernachtungenbargen
außerdemerheblicheGesundheitsrisiken:Als1874das luxuriöseGrandHotel
inStockholmeröffnete, galt esals erstesHotel,dasdieBettbezügezwischen
denGästenbeiderNeubesetzungderZimmerwechselte.AlsRaumzurÜber-
nachtungisteinHoteleinprivaterBereich ineinemöffentlichenUmfeld.Ob
es tatsächlichprivatwar,hing letztlichvondenmonetärenMitteln,die ineine
Unterkunftinvestiertwerdenkonnten,ab. JedenfallsaberstanddieFrageder
Nächtigungsvariante ineinemSpannungsfeldvonNotwendigkeitundGefahr.
DiepopuläreKulturentdecktedieAmbivalenzderFragenachPrivatheitund
privatenRäumenundnutzte sie,umgesellschaftspolitischrelevanteFragenzu
diskutieren.DasNächtigungsmotivwurdedabeiebensobreitbeleuchtetwie
dasBildderVolkssängerin: InpopulärenLiedernundStückeninszeniertendie
Künstler*innenSchlafunterkünftealsRäumederFamilieaufReisen,alseinen
privatenOrt fürLiebende,die sichnirgendwosonst treffenkonntenund in
anderenSituationenalsLusthaus fürProstitution.DieStückebenanntenzum
einendievielenunterschiedlichenFunktionendieserRäumeebenso,wiesie
zumanderendieAmbivalenzderBeziehungen,diesichindenÜbernachtungs-
stättenereigneten,alsFolie fürReflektiondurchAmüsementnutzten.Räume
wieHotelskönnenals sogenannte„non-lieux“beschriebenwerden;alsOrte–
beziehungsweiseNicht-Orte–dieanBedeutungverlieren,weildieTätigkeiten,
derdieMenschenanihnennachgehen,Prioritäthaben.138DieStückegriffen
häufigdiebesondereQualitätdesHotelsundSchlafcoupésauf,umdieEigen-
heitderÜbernachtungsräumeaufReisen inSpiegelflächenunterschiedlichster
Beziehungenzuverwandeln. IndiesemSinne istdiediesemAbschnitt zugrun-
deliegendeAnnahme,dasssichgeradedie„Nicht-Ort“-Qualitätvonderartigen
ÜbernachtungsräumenindenEtablissementstückenalsZwischenraumfürdas
AushandelnvonverschiedenartigenBeziehungen–sexuellen, familiärenund
beruflichen–anbot.139DieStücke repräsentieren,wiedieGesellschaftüber
PrivatheitundIntimitätaufReisendachteundwasdarüber imaginiertwurde.
Sie illustrierenpointiert,welcheNormenesgabunddeutendamitan,weshalb
Menschen, die besondershäufigunterwegswaren, oftdelikatenVorwürfen
ausgesetztwaren.
Die Stücke ImSchlafcoupéundEinHotel inBudapest gehenunterschied-
lichmit der Privatheit des jeweiligenÜbernachtungsraumesum:Während
138 Augé,Nicht-Orte,40–43.Clifford,TravelingCultures,96.
139 Damitunterscheidet sichdievorliegendeInterpretationvondereigentlichenBeschreibung
vonNicht-Orten. InderPraxisderTätigkeiten in ihnenhabenachMarcAugénämlichein
AushandelngeradekeineRollegespielt.DashierverfolgteArgument lautetaber,dass inder
TransformationdesHotel-bzw.ÜbernachtungsraumsindenperformativenStückendiese
„Nicht-Ort“-QualitätdieFunktionalsZwischenraumevoziert.
© 2021 by Böhlau Verlag Ges.m.b.H & Co. KG, Wien
https://doi.org/10.7767/9783205211884 | CC BY 4.0
Auf die Tour!
Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
Zwischen Habsburgermonarchie und Amerika
- Titel
- Auf die Tour!
- Untertitel
- Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
- Autor
- Susanne Korbel
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21188-4
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 272
- Kategorie
- Kunst und Kultur