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Linguistic Landscapes auf Postkarten | 61
ten der Untersteiermark/Spodnja Štajerska durchgesehen und die auf den jeweili-
gen Karten aufgedruckten Sprachen verzeichnet.41 Grundsätzlich ist vorauszuschi-
cken, dass die Gegenüberstellung der Phase von ca. 1897-1918 mit den frühen
1890er Jahren einen erheblichen Zuwachs des slowenischen Anteils ergibt – war
doch die Postkartenproduktion der frühen 1890er Jahre noch durchwegs deutsch-
sprachig.42 Ganz offensichtlich also haben Postkarten dazu beigetragen, dass das
Slowenische im medial erweiterten öffentlichen Raum an Sichtbarkeit gewann.
Insgesamt herrscht jedoch eine grundlegende Inkongruenz zwischen den er-
hobenen Daten und den in der Untersteiermark gesprochenen Sprachen. Die Aus-
wertung der Verteilungsverhältnisse aller neun Sammlungen ergibt, dass 78% der
gezählten Aufdrucke deutsch, 14% slowenisch und weitere 8% zweisprachig wa-
ren.43 Diese Zahlen allein im Sinn eines eindeutig zugunsten des Deutschen aus-
fallenden Macht-und-Status-Verhältnis und einer größeren „ethnolinguistic vita-
lity“ zu begründen, bedient dennoch implizit die Vorstellung von konkurrierenden
Sprachgruppen, die sich dadurch auch historiografisch weiterschreibt. Gibt es an-
dere Möglichkeiten, diese Relationen zu kommentieren, wenn wir in Rechnung
stellen, dass viele Menschen beide Sprachen beherrschten und in ihrer Identität
nicht grundsätzlich klar festgelegt waren? Wenn wir in Rechnung stellen, dass das
Deutsche vielfach als die Schriftsprache – auch unter slowenischsprachigen Men-
schen – galt, und zuweilen auch ganz selbstverständlich zur Korrespondenz in slo-
wenischsprachigen Familien verwendet wurde?44 Wenn wir in Rechnung stellen,
dass Sprachverwendung um 1900 keineswegs auf „homogene“ Sprachgruppen
verweist, sondern viel komplizierter ist?
Ich möchte in der Folge argumentieren, dass die Erhebung quantitativer Ver-
teilungsverhältnisse, lokaler Häufungen der einen oder der anderen Sprache je-
weils mit qualitativen Analysen verbunden werden muss, welche die Materialität
41 Diese Verzeichnung haben wir sowohl auf der Ebene des Aufdrucktextes wie auf der
Ebene der handschriftlichen Mitteilungen durchgeführt. Für die Städte innerhalb der
Region haben wir jeweils ein Sample von 200 Karten verwendet.
42 Die ersten Verlage, die Anfang der 1890er Jahre mit der Produktion von Postkarten
begannen, verwendeten zunächst ausschließlich deutsche Aufdrucktexte. Als früheste
Karte der Untersteiermark gilt eine Karte von Rogaška Slatina/Rohitsch-Sauerbrunn,
gelaufen am 1.9.1889. Vgl. Primož Premzl, „Razglednice na slovenskem“, in: Andrej
Hozjan (Hg.), Pošta na slovenskih tleh, Maribor 1997, S. 380. Erst gegen Ende des
Jahrzehnts mehrten sich auch slowenische Aufdrucke auf Postkarten.
43 https://gams.uni-graz.at/archive/objects/context:polos/methods/sdef:Context/get?mode
=statistics (31.1.2020)
44 Vgl. dazu etwa die Kommunikationspraktiken innerhalb des Familien- und Freundes-
kreises von Ivan/Hans Cizelj. Almasy/Tropper, Štajer-mark, S. 134-147.
Bildspuren – Sprachspuren
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Titel
- Bildspuren – Sprachspuren
- Untertitel
- Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Autoren
- Karin Almasy
- Heinrich Pfandl
- Herausgeber
- Eva Tropper
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4998-1
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 346
- Schlagwörter
- Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen