Seite - 131 - in Bildspuren – Sprachspuren - Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
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Wie die Nadel im Heuhaufen | 131
Besondere Aufmerksamkeit verdient die Anschrift des Empfängers, vor allem
dann, wenn es um eine Person geht, die im Siedlungsgebiet der subalternen Nati-
onalität ansässig ist. Dabei sind alle Bestandteile der Adresse wichtig, die persön-
liche Anrede, der Vor- und Familienname (eventuell auch der Vulgoname), der
Wohnort, die Poststelle, die Region und das Land. Auf den Ansichtskarten aus
Südostkärnten sind mehrere Mischformen des Sprachgebrauchs zu finden. Der
Verwendung der subalternen Sprache signalisiert zumindest das Bestreben des
Absenders, die mit weniger Prestige ausgestattete Sprache im öffentlichen Bereich
zur Geltung zu bringen.
Der Einsatz der slowenischen Sprache auf Inhaltstexten war bei slowenischen
Native Speakern keineswegs selbstverständlich, wenn nicht sogar die Ausnahme.
Es musste ja zumindest der Absender Slowenisch schreiben können und dazu an-
nehmen, dass der Empfänger den Text würde lesen können. In der Regel gehörte
eine gewisse Sympathie für die slowenische nationalpolitische Orientierung dazu,
sich der slowenischen Sprache zu bedienen, obgleich sie in der mündlichen Kom-
munikation sowohl vom Schreiber als auch vom Adressaten „im gewöhnlichen
Umgang“ gebraucht wurde. Je besser der Schreiber die slowenische Schriftspra-
che beherrschte und je höher seine Bildungsstufe war, desto eher war zu erwarten,
dass er an andere Slowenen Inhaltstexte auf Slowenisch schrieb. Dem stand nur
die nationalpolitische Ablehnung der slowenischen Sprache (durch den Schreiber
oder den Empfänger) im Weg. Für eine eingehende Untersuchung des schriftli-
chen Sprachgebrauchs wäre eine größere Stichprobe notwendig, die mehr als eine
soziale Gruppe, mehr als eine Familie und mehr als eine Kleinregion einschließt
und darüber hinaus eine längere Zeitspanne berücksichtigt.
Erfahren wir aus Postkarten mehr als wir ohne sie wüssten? Inhaltlich eigent-
lich selten, sie geben aber einige Hinweise auf Mentalitätsfragen und illustrieren
den Umgang zwischen Gleichaltrigen, geben Einblick in intergenerationelle Be-
ziehungen, in den Umgang zwischen den Geschlechtern, speziell zwischen Mäd-
chen und Burschen, Freunden und Bekannten, Eltern und Kindern. Sie zeigen,
dass gelebte Verwandtschaftsbeziehungen über die Kernfamilie hinausgingen,
Tanten und Onkel, vor allem aber Taufpaten und -patinnen miteinschlossen. Die
primäre Bezugsgruppe war jedenfalls größer als heutzutage, allein schon wegen
der meist größeren Kinder- und Geschwisterzahl. Die Inhalte der handschriftli-
chen Botschaften auf Postkarten gewähren einen Einblick in die Alltagsgeschichte
und bestätigen Zustände und Entwicklungen. Letztendlich dokumentieren sie mit
authentischen Texten und Schriftbildern das Erstarken der slowenischen Schrift-
kultur. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in Kärnten Briefe in sloweni-
scher Sprache nur äußerst selten geschrieben. Erst als die kulturelle Emanzipati-
onsbewegung erstarkte und sich mit der politischen verband, wurden Briefe in
Bildspuren – Sprachspuren
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Titel
- Bildspuren – Sprachspuren
- Untertitel
- Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Autoren
- Karin Almasy
- Heinrich Pfandl
- Herausgeber
- Eva Tropper
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4998-1
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 346
- Schlagwörter
- Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen