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Beobachtungen zum Slowenischen | 189
1909 aus Sevnica/Lichtenwald an seinen Freund, den späteren slowenischen His-
toriker Janko Orožen, sandte. Bereits im Adressblock weist er diesen mit seiner
Funktion aus – „Gospod Janko Orožen, dijak na počitnicah“ 'Herr Janko Orožen,
Schüler in den Ferien' – dies vermutlich, damit ihn die Post im Dorf, wo er seinen
Urlaub verbrachte, nämlich Turje nad Hrastnikom/Thurie (in der Adresse Turie
nad Hrastnikom genannt), leichter ausfindig machen könne:
„Včeraj 25. je bila tukaj | Sokolska veselica je bilo prav lušno. | Dozdaj še
nisem niti ene knjige preči | tal se mi nič ne lubi. Večji del zmiraj | pohajam.“
[Übersetzung: 'Gestern am 25. war hier ein Sokol-Vergnügungsabend und es
war richtig lustig. Bis jetzt habe ich noch kein Buch gelesen ich habe keine
Lust. Großteils gehe ich immer spazieren.']28
Es fehlen weitgehend Interpunktionszeichen, die Wortgrenzen entsprechen nicht
dem Usus (dozdaj 'bis jetzt'), der Phraseologismus entspricht ebenso nicht dem
Standard. Die Schreibweise einiger Wortformen („zmiraj“ vs. zmeraj, „lubi“ vs.
ljubi) ist von deren Lautbild übernommen.
Einen ähnlich naiven Stil erleben wir im Mitteilungstext einer Karte aus der-
selben Gegend, der jedoch sprachlich aussagekräftiger ist. Der Text wurde in
Trbovlje/Trifail 1914 von einer Frau verfasst und an eine Freundin in Rom (!)
gesandt:
Mit „Čejčenka“ ist vermutlich eine Bewohnerin des wenige Kilometer von
Trbovlje/Trifail entfernten Ortes Čeče gemeint, wobei unklar bleibt, worin die Be-
sonderheit der Einwohnerinnen dieses Ortes bestehen soll, außer dass sie „podo-
mače“, also nach der Mundart schreiben, wie dies die Schreiberin hier deklariert
und tut. Hier werden auch Vokalreduktionen („prov“ für prav, „sim bla“ für sem
28 Vgl. https://gams.uni-graz.at/o:polos.208
„Ljuba Mica!/Oprosti mi kjer Ti tudi jas kakor/nekdajna Čejčenka pišem en
par besed/prov podomače v čeraj to je 20.t.m. sim bla/pri Tvojih ljubih starših
[…]“
[Übersetzung: 'Liebe Mica! Verzeih mir wenn auch ich dir wie eine ehemalige
Čejčenka ein paar Wörter ganz in der Mundart schicke gestern das ist am 20.
d.M. war ich bei deinen lieben Eltern […]']
Bildspuren – Sprachspuren
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Titel
- Bildspuren – Sprachspuren
- Untertitel
- Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Autoren
- Karin Almasy
- Heinrich Pfandl
- Herausgeber
- Eva Tropper
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4998-1
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 346
- Schlagwörter
- Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen