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das BiBElcompEndium dEs pEtrus Von poitiErs
tische Winddiagramme aus dem 11. Jahrhundert, die bereits dieselben Aufschriften
– korrekt wiedergegeben – und denselben Aufbau zeigen (Dijon, Bibliothèque mu-
nicipale, Ms. 448, fol. 75r; Krakau, Biblioteka Jagiellońska, Cod. Berl. 939 [vormals
Maihingen, 1, 2, IV, 3], fol. 2r).25 In Linz wurde die Scheibe allerdings nicht in klar
voneinander abgetrennte Sektoren unterteilt, und die Namen in den Kreisringen
definieren acht statt zwölf Achsen.26 Zudem wurden die althochdeutschen Bezeich-
nungen der Himmelsrichtungen im breitesten Kreisring der Windrosen durch die
Medaillons der vier Hauptwinde ersetzt. Somit verbindet die Linzer Miniatur die
Grundstruktur der Winddiagramme aus dem 11. Jahrhundert mit einer ähnlichen
Komposition, wie sie etwa dem Annusbild im Fuldaer Sakramentar von ca. 97527
oder dem Deckenfresko im zweiten Joch der Krypta der Kathedrale von Anagni
zugrunde liegt, das in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts datiert wird und den
von den vier Lebensaltern umgebenen Menschen darstellt.28 Schließlich wurde das
Weltdiagramm in Cod. 490 durch die vier großen im Quadrat angeordneten Be-
satzmedaillons mit den Nebenwinden ergänzt. Mit diesen Hinweisen ist die Genese
der Linzer Miniatur freilich bei Weitem nicht ausreichend erklärt; welche genauen
Vorlagen und Quellen hier kompiliert wurden, bleibt zu untersuchen.
Als Einleitungsbild zum Compendium erfüllt die Linzer Miniatur eine mehrfa-
che Funktion.29 Erstens ist sie als Diagramm des Raumes der Welt zu verstehen, das
der ebenfalls diagrammatischen Zusammenfassung der Weltgeschichte ergänzend
gegenübergestellt ist,30 was zugleich die Bedeutung der genealogischen Ketten als
Zeitschema unterstreicht. Zweitens kann das Kosmosbild, das der mit den Ureltern
beginnenden Genealogie Christi vorangestellt ist, als Darstellung der Schöpfung
gesehen werden, mit der die Weltgeschichte ihren Anfang nimmt. Und drittens wird
darin die Vorstellung von der Erlösung der Welt durch Christus verbildlicht (siehe
oben). Da auch die weiteren Diagramme, die dem Compendium in Cod. 490 bei-
gegeben wurden (siehe im Folgenden), den soteriologischen Gedanken betonen,31
25 Siehe das Volldigitalisat der Handschrift in Dijon unter: http://patrimoine.bm-dijon.
fr/pleade/img-viewer/MS00448/viewer.html; Angaben zur Handschrift suchbar unter:
http://patrimoine.bm-dijon.fr/pleade/subset.html?name=sub-fonds; die Darstellung
besprochen bei Obrist, Wind Diagrams (zit. Anm. 16), S. 51 f. (mit Abb. 11). – Zur
Windrose in der Krakauer Handschrift siehe Fabio Troncarelli: Boethiana aetas. Modelli
grafici e fortuna manoscritta della „Consolatio philosophiae“ tra IX e XII secolo (Biblio-
teca di scrittura e civiltà 2). Alessandria 1987, S. 202 und passim, Taf. XV b; Erwähnung
auch bei Obrist, Wind Diagrams (zit. Anm. 16), S. 52, Anm. 88.
26 Dies kann auch zur fehlerhaften Anordnung der Legenden beigetragen haben (siehe
Anm. 22).
27 Göttingen, Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek (SUB), 2° Cod. Ms.
theol. 231 Cim, f. 250v. Auf die Ähnlichkeit dieser Miniatur mit Linz hat auch Gormans,
Geometria und Ars memorativa (zit. Anm. 2), S. 140 hingewiesen.
28 Zum Fresko siehe zum Beispiel Johannes Zahlten: Creatio mundi. Darstellungen der
sechs Schöpfungstage und naturwissenschaftliches Weltbild im Mittelalter. Stuttgart
1979, Abb. 271.
29 Als Windrose oder „Windtafel“ (Raff, Windpersonifikationen [zit. Anm. 2], S. 150) im
wissenschaftlichen Sinn ist die Miniatur nicht in erster Linie zu sehen, obwohl ihr eine
solche zugrunde liegt (siehe oben). Letztlich spielt es daher auch keine wesentliche Rolle,
ob die Darstellung akkurat ist oder nicht; es steht ihr Symbolgehalt im Vordergrund.
30 Siehe bereits Kroos, Zeit der Staufer (zit. Anm. 2), S. 575.
31 Siehe Hranitzky, Diplomarbeit (zit. Anm. 3), S. 60.
Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Titel
- Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Autor
- Christine Beier
- Herausgeber
- Michaela Schuller-Juckes
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21193-8
- Abmessungen
- 18.5 x 27.8 cm
- Seiten
- 290
- Kategorien
- Geschichte Chroniken