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Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
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213 distanz und nähE dEs hEiliGEn Codex Aureus von Echternach finden wir sogar die Idee vorgebildet, klappsymme- trisch zu den vier Evangelistensymbolen Rundbilder mit vier weiblichen Personi- fikationen zu platzieren, die durch Beischriften als die vier weltlichen Kardinaltu- genden Stärke (Fortitudo), Gerechtigkeit (Iustitia), Mäßigung (Temperantia) und Klugheit (Prudentia) identifiziert werden. Diese auch in theologischen Schriften ausformulierte Idee einer Zuordnung von Evangelien und Kardinaltugenden wird in den nimbierten Frauenbüsten auf dem Rückdeckel des Bamberger Psalters auf- gegriffen, wobei man in der Figur mit dem verschleierten Haupt am ehesten Pru- dentia erkennen dürfte.30 Ob im Inneren oder auf der Außenseite der Bücher angebracht, stets zielte das komposite Maiestas-Bild darauf ab, Christus als den Ursprung der christlichen hei- ligen Schrift freizulegen. Unabdingbar war daher das Buch in den Händen Christi als Ausgangspunkt einer Kette der Offenbarung, die sich dann in den vier Evan- gelien fortsetzte. Wenn dieser Bildtypus nun auf das jüdische Psalterbuch übertra- gen wurde, war das eine starke Geste christlicher Vereinnahmung: Das Buch der Psalmen als Prophetie der Evangelien, so wie es die christliche Psalterexegese stets behauptet hatte.31 Neue Sehangebote: Der Hornplatteneinband als künstlerische Innovation Mit dem bisher Gesagten haben wir all diejenigen Elemente ausgeklammert, die von den Gestaltungsprinzipien der liturgischen Prachteinbände abweichen – und dies sehr deutlich. Hier ist zuallererst die konsequente Flachheit der beiden Buch- deckel hervorzuheben, die das im Bereich der Prachteinbände kultivierte Ideal dreidimensionaler Körperhaftigkeit ignoriert. Alle Möglichkeiten für Plastizitäts- gewinn, die sich auch einem bemalten Einband geboten hätten, sind ausgelassen: die Eintiefung des Mittelfelds etwa oder die Verwendung stärker vorspringender Rahmenleisten, Besatz mit Edelsteinen oder Glas etc. Derart flache Einbände hatte es für liturgische Bücher bis dato nur in der Technik der Durchbruchsarbeit (opus interrasile) gegeben, bei der man Silberbleche silhouettenförmig in Form schnitt und sie dann mit kostbaren Textilien hinterlegte. Charakteristischerweise war dies aber ein Verfahren, das bei den Rückseiten der Bücher zum Zuge kam, während die Vorderseiten am Ideal skulpturaler Dreidimensionalität festhielten.32 Evangelistars dar (Paris, Bibliothèque nationale de France, lat. 9453), der in der Technik des opus interrasile gearbeitet wurde, vgl. Steenbock, Prachteinband (zit. Anm. 4), S. 131, Nr. 49. 30 So Klemm, Der Bamberger Psalter (zit. Anm. 18), S. 39. Die abweichende Lesart von Engelhart, Bemalte Einbände (zit. Anm. 10), S. 11 (Virginitas, Continentia, Castitas und Sobrietas analog zu fol. 114r des Codex Aureus von Echternach) ist angesichts der gängigen Zuordnung von Evangelisten und Kardinaltugenden unplausibel. 31 Noch deutlicher ist diese Stoßrichtung auf dem Vorderdeckel des Elisabethpsalters (Abb. 1), der mit der Kreuzigung ein Hauptthema von Evangeliareinbänden aufgreift, während die Evangelistensymbole gleich zweimal, nämlich auf dem Relief und im Rah- men erscheinen, vgl. Wolter-von dem Knesebeck, Der Einband (zit. Anm. 8), S. 102– 103. 32 Vgl. Ganz, Buch-Gewänder (zit. Anm. 1), S. 39.
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Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
Titel
Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
Autor
Christine Beier
Herausgeber
Michaela Schuller-Juckes
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-21193-8
Abmessungen
18.5 x 27.8 cm
Seiten
290
Kategorien
Geschichte Chroniken
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