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distanz und nähE dEs hEiliGEn
Codex Aureus von Echternach finden wir sogar die Idee vorgebildet, klappsymme-
trisch zu den vier Evangelistensymbolen Rundbilder mit vier weiblichen Personi-
fikationen zu platzieren, die durch Beischriften als die vier weltlichen Kardinaltu-
genden Stärke (Fortitudo), Gerechtigkeit (Iustitia), Mäßigung (Temperantia) und
Klugheit (Prudentia) identifiziert werden. Diese auch in theologischen Schriften
ausformulierte Idee einer Zuordnung von Evangelien und Kardinaltugenden wird
in den nimbierten Frauenbüsten auf dem Rückdeckel des Bamberger Psalters auf-
gegriffen, wobei man in der Figur mit dem verschleierten Haupt am ehesten Pru-
dentia erkennen dürfte.30
Ob im Inneren oder auf der Außenseite der Bücher angebracht, stets zielte das
komposite Maiestas-Bild darauf ab, Christus als den Ursprung der christlichen hei-
ligen Schrift freizulegen. Unabdingbar war daher das Buch in den Händen Christi
als Ausgangspunkt einer Kette der Offenbarung, die sich dann in den vier Evan-
gelien fortsetzte. Wenn dieser Bildtypus nun auf das jüdische Psalterbuch übertra-
gen wurde, war das eine starke Geste christlicher Vereinnahmung: Das Buch der
Psalmen als Prophetie der Evangelien, so wie es die christliche Psalterexegese stets
behauptet hatte.31
Neue Sehangebote: Der Hornplatteneinband als künstlerische
Innovation
Mit dem bisher Gesagten haben wir all diejenigen Elemente ausgeklammert, die
von den Gestaltungsprinzipien der liturgischen Prachteinbände abweichen – und
dies sehr deutlich. Hier ist zuallererst die konsequente Flachheit der beiden Buch-
deckel hervorzuheben, die das im Bereich der Prachteinbände kultivierte Ideal
dreidimensionaler Körperhaftigkeit ignoriert. Alle Möglichkeiten für Plastizitäts-
gewinn, die sich auch einem bemalten Einband geboten hätten, sind ausgelassen:
die Eintiefung des Mittelfelds etwa oder die Verwendung stärker vorspringender
Rahmenleisten, Besatz mit Edelsteinen oder Glas etc. Derart flache Einbände hatte
es für liturgische Bücher bis dato nur in der Technik der Durchbruchsarbeit (opus
interrasile) gegeben, bei der man Silberbleche silhouettenförmig in Form schnitt
und sie dann mit kostbaren Textilien hinterlegte. Charakteristischerweise war dies
aber ein Verfahren, das bei den Rückseiten der Bücher zum Zuge kam, während die
Vorderseiten am Ideal skulpturaler Dreidimensionalität festhielten.32
Evangelistars dar (Paris, Bibliothèque nationale de France, lat. 9453), der in der Technik
des opus interrasile gearbeitet wurde, vgl. Steenbock, Prachteinband (zit. Anm. 4), S. 131,
Nr. 49.
30 So Klemm, Der Bamberger Psalter (zit. Anm. 18), S. 39. Die abweichende Lesart von
Engelhart, Bemalte Einbände (zit. Anm. 10), S. 11 (Virginitas, Continentia, Castitas
und Sobrietas analog zu fol. 114r des Codex Aureus von Echternach) ist angesichts der
gängigen Zuordnung von Evangelisten und Kardinaltugenden unplausibel.
31 Noch deutlicher ist diese Stoßrichtung auf dem Vorderdeckel des Elisabethpsalters
(Abb. 1), der mit der Kreuzigung ein Hauptthema von Evangeliareinbänden aufgreift,
während die Evangelistensymbole gleich zweimal, nämlich auf dem Relief und im Rah-
men erscheinen, vgl. Wolter-von dem Knesebeck, Der Einband (zit. Anm. 8), S. 102–
103.
32 Vgl. Ganz, Buch-Gewänder (zit. Anm. 1), S. 39.
Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Title
- Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Author
- Christine Beier
- Editor
- Michaela Schuller-Juckes
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21193-8
- Size
- 18.5 x 27.8 cm
- Pages
- 290
- Categories
- Geschichte Chroniken