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daVid Ganz
legte, dass ein Ende vor dem Körper herabfiel.38 Eine weitere Reminiszenz des Loros
kann man in dem Kleidungsstück mit auffälliger Rautenmusterung erkennen, das
Gabriel über dem linken Arm trägt. Die „Aufspaltung“ des Loros, aber auch das
Fehlen des in Byzanz üblichen Diadems zeigen, dass der Maler nicht direkt nach
Kunstwerken griechischer Provenienz gearbeitet hat – also Elfenbeinen, Hand-
schriften oder Emails, wie sie nach der Plünderung Konstantinopels durch das la-
teinische Kreuzfahrerheer im Jahr 1204 in großen Zahlen in den Westen gelangten.
Was der Maler des Psalters anstrebte, war kein Zitat, sondern der Effekt einer östli-
chen Note, die er als besonders angemessen für das Thema einer Versammlung von
Vertretern unterschiedlicher Engelschöre empfand. Ähnlich ging er dann auch bei
dem Marienbild auf dem Rückdeckel vor, das an den frontal thronenden Madon-
nentypus der „Hypselotera“ in der byzantinischen Kunst angelehnt ist (Abb. 14).39
Einladung zum Gebet: Der Einband, das Te Deum und die
Allerheiligenlitanei
Mit dieser Sichtung von biblischen Referenzen und bildlichen Modellen sind wir
allerdings immer noch nicht bei einer Erklärung dafür, dass Cherubim und Erz-
engel hier gemeinsam den Rahmen der Gottesschau abstecken. Die Gründe für
diese eigentümliche Bildfindung werden bei einem Blick in die Gebetstexte der
Psalterhandschrift deutlicher. Schon in den Psalmen selbst erscheint Gott mehrfach
über den Cherubim thronend: „Der Herr herrscht, die Völker sollen zürnen, der
über den Cherubim thront – die Erde soll erschüttert werden! Der Herr in Zion
ist groß und erhaben ist er über alle Völker.“ (Ps 98,1–2).40 Der Psalmist stimmt
sein Gotteslob vor den Engeln an: „Ich werde mich zu dir bekennen, Herr, mit
meinem ganzen Herzen, weil du die Worte meines Mundes erhört hast. Im Anblick
der Engel werde ich dir Psalmen singen.“ (Ps 137,1–2).41 Noch konkretere Berüh-
rungspunkte finden sich in den Gebeten, die an das biblische Buch der Psalmen
angehängt sind. So verkünden die ersten Verse des Te Deum ein Gotteslob, das von
„allen Engeln des Himmels und Mächten des Universums“ angestimmt wird, und
38 Zu den Gewändern von Engeln in der byzantinischen Kunst vgl. Pallas, Himmelsmäch-
te (zit. Anm. 37), Sp. 26–34. Zu Loros und Sakkos vgl. Karoline Czerwenka-Papadopou-
los: Loros. In: Bildwörterbuch der Kleidung und Rüstung. Vom Alten Orient bis zum
ausgehenden Mittelalter, hg. von Harry Kühnel, Stuttgart 1992, S. 161–162; Karoline
Czerwenka-Papadopoulos: Sakkos. In: ebd., S. 214–215.
39 Vgl. Horst Hallensleben: II. Das Marienbild der byzantinisch-ostkirchlichen Kunst
nach dem Bilderstreit. In: Lexikon der christlichen Ikonographie, hg. von Engelbert
Kirschbaum, Bd. 3, Rom /Freiburg i. Br. 1971, Sp. 161–178, hier: Sp. 162, 165; Wolter-von
dem Knesebeck, Der Elisabethpsalter (zit. Anm. 6), S. 189–191.
40 DOMINUS Regnavit, irascantur populi qui sedes super cherubyn, moveatur terra. Dominus
in syon magnus et excelsus super omnes populos. Bamberger Psalter, fol. 113r. Deutsche
Übersetzung: Hieronymus: Biblia sacra Vulgata. Lateinisch-deutsch, Band 3: Psalmi –
Proverbia – Ecclesiastes – Canticum canticorum – Sapientia – Iesu Sirach, hg. und über-
setzt von Andreas Beriger / Widu-Wolfgang Ehlers / Michael Fieger, Berlin 2018, S. 512.
41 CONFITEBOR tibi, Domine, in toto corde meo, quoniam audisti verba oris mei. In cons-
pectu angelorum psallam tibi. Bamberger Psalter, foll. 157r–157v. Deutsche Übersetzung:
Hieronymus, Biblia sacra Vulgata 3 (zit. Anm. 40), S. 718.
Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Titel
- Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Autor
- Christine Beier
- Herausgeber
- Michaela Schuller-Juckes
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21193-8
- Abmessungen
- 18.5 x 27.8 cm
- Seiten
- 290
- Kategorien
- Geschichte Chroniken