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4 Ökosysteme, Landnutzung & Biodiversität
Fallbeispiel 4.4.1: Populationsentwicklung der Nashörner
Derzeit leben auf der Erde fünf Nashornarten (zwei in Afrika und drei in Asien). Während der ver-
gangenen Eis- und Zwischeneiszeiten gab es noch einige andere Nashornarten in den gemäßigten
Breiten. Diese sind allerdings mit dem Verschwinden der sogenannten eiszeitlichen Megafauna ausge-
storben, eventuell unter Beteiligung des Menschen. Die heutigen Nashornarten haben eine tropische
bis subtropische Verbreitung mit Ausläufern in warmgemäßigten Regionen (z.B. Nordafrika). Die Arten
sind bis zu einem gewissen Grad ökologisch getrennt. In Afrika ist z.B. das Spitzmaulnashorn ein
Selektierer (d.h. seine Nahrung ist arm an Pflanzenfasern, aber reich an leicht verdaulichen Nähr-
stoffen), während das Breitmaulnashorn ein typischer Weidegänger ist.
Nashörner wurden durch die kommerzialisierte Jagd stark dezimiert. Sie waren während des Kolo-
nialismus bevorzugtes Ziel von Großwildjägern. Außerdem wird das Kollagen, aus dem das Horn
besteht, als Bestandteil traditioneller Medizin sowie als Rohstoff für verschiedene Artefakte gehandelt.
Dieser Handel brach auch nach der Unterschutzstellung der Arten nicht ab und wird heute durch
Wilderei und einen illegalen Schwarzmarkt aufrechterhalten. Dies führte zu einer sehr starken Ab-
nahme der Individuenzahlen.
Besonders gut dokumentiert ist die Populationsentwicklung der afrikanischen Arten (Emslie 2012a, b).
Ende des 19. Jahrhunderts war das Spitzmaulnashorn in Afrika südlich der Sahara verbreitet (mit
geschätzten 1 Mio. Individuen), es wurde jedoch bis in die 1960er-Jahre auf wenige 1.000 Individuen
dezimiert (Moodley et al. 2017). Die Abnahme kann nur zum Teil mit der zunehmenden Flächen-
nutzung durch den Menschen erklärt werden. In vielen geschützten oder wenig genutzten Arealen
wurden Nashörner ebenfalls zurückgedrängt. Heute existieren ca. 5.000 Individuen hauptsächlich in
afrikanischen Nationalparks in voneinander getrennten Gebieten. Durch gezielte Management-
maßnahmen wird derzeit versucht, die Population des Spitzmaulnashorns wieder zu vergrößern
(Black Rhino Expansion Program).
Zwischenzeitlich war ein ähnliches Programm bei der anderen afrikanischen Art, dem Breitmaul-
nashorn, sehr erfolgreich. Das Breitmaulnashorn hat seinen Verbreitungsschwerpunkt im südlichen
Afrika. Vor Beginn der systematischen Bejagung betrug die Populationsgröße geschätzte 300.000
Tiere. Anfang des 20. Jahrhunderts lebten nur noch wenige 100 Individuen in einigen geschützten
Arealen und in privaten Farmen in Südafrika. Bis zum Jahr 2000 konnte die Population auf ca.
20.000 Individuen erhöht werden. In einem Translokationsprogramm wurden die Tiere nicht nur auf
von Nashörnern besiedelte Areale verteilt, sondern auch auf Gebiete, wo die Art in historischen
Zeiten vorkam, aber durch Bejagung ausgerottet wurde. Dadurch wurde eine Populationsdynamik
wiederhergestellt, welche neben Wachstum auch die Prozesse der Ausbreitung und Kolonisierung
umfasst. So konnte eine kontinuierliche Zunahme der Population erreicht werden. Solch ein Vorgehen
ist nicht selbstverständlich. Neben der unbestrittenen Schwierigkeit, große Säugetiere in neue Gebiete
einzuführen, ohne dabei Konflikte mit der lokalen Bevölkerung zu erzeugen, birgt die Translokation
auch das Risiko des Transports für die Tiere. Sie müssen betäubt und teilweise unter dem Hub-
schrauber hängend transportiert werden. Das Risiko, die Tiere dabei zu verletzen oder zu traumati-
sieren, ist sehr groß. Eine Managementmaßnahme, die das Einfangen aller oder eines großen Teils
der verbliebenen Individuen beinhaltet, birgt daher auch die Gefahr, das Aussterben zu beschleunigen.
Auch können Habitate, in welche die Nashörner eingeführt werden, heute ungeeignet sein. Dies zeigen
Rückschläge im Expansionsprojekt, das derzeit für Spitzmaulnashörner durchgeführt wird. Hier sind
nach der Translokation einige Tiere in den neuen Gebieten verhungert. Ungeachtet solcher Rück-
schläge waren bei Nashörnern Expansionsprojekte bisher sehr erfolgreich, auch wenn die Popula-
tionen heute wieder sinken. Anfang des 21. Jahrhunderts stieg der Jagddruck durch Wilderei v.a.
auf das Breitmaulnashorn. Angefacht durch die Nachfrage nach Horn als medizinisches Produkt in
Asien werden derzeit jährlich bis zu 1.359 Tiere dieser Art getötet (im Jahr 2015), zwischen 2007
Umwelt- und Bioressourcenmanagement für eine nachhaltige Zukunftsgestaltung
- Titel
- Umwelt- und Bioressourcenmanagement für eine nachhaltige Zukunftsgestaltung
- Autoren
- Erwin Schmid
- Tobias Pröll
- Verlag
- Springer Spektrum
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- ISBN
- 978-3-662-60435-9
- Abmessungen
- 17.3 x 24.6 cm
- Seiten
- 288
- Schlagwörter
- Umweltmanagement, Bioressourcen, Nachhaltigkeit, Sustainability, Universität für Bodenkultur
- Kategorien
- Naturwissenschaften Umwelt und Klima