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erster Treffer gelistet, welche Preisempfehlung für
ein Angebot ausgesprochen wird und welche Meta-
daten über Nutzer*innen erhoben und gespeichert
werden.10 Handelt es sich dabei um proprietäre Soft-
ware – also um Software, deren Code weder frei zu-
gänglich ist noch durch Dritte weitergegeben oder
angepasst werden darf –, können weder Nutzer*in-
nen noch staatliche Institutionen nachvollziehen,
wie solche algorithmische Entscheidungen getroffen
und welche Daten erhoben und gespeichert werden.
Als Alternative zu proprietären Lösungen propa-
giert die Bewegung die Entwicklung, Verbreitung
und Nutzung sogenannter ‹Freier› Lizenzen. ‹Freie
Software› muss vier Bedingungen erfüllen: die Frei-
heit der Ausführung des Programms, wie und wofür
man möchte; die Freiheit der Veränderung des Codes;
die freie Weiterverbreitung des ursprünglichen Pro-
gramms sowie die Veröffentlichung darauf aufbauen-
der, veränderter Versionen.11 Eng damit verwandt sind
‹Open-Source›-Lizenzen. Während beide Konzepte
sich in ihren konkreten Anforderungen nahezu glei-
chen, fokussiert Open Source auf pragmatische Vor-
teile Freier Lizenzen, wohingegen ‹Freie Software›
mit einer wertegetriebenen sozialen Bewegung ver-
bunden ist.12 Beide beschriebenen Formen der Lizen-
sierung ermöglichen, dass Software – in diesem Falle
der Code digitaler Plattformen – quasi zum trans-
parenten Gemeingut wird, das einerseits von allen
kontrolliert und kritisiert
und andererseits zum kos-
tengünstigen Aufbau von
sozial-ökologisch ausge-
richteten Plattformmodel-
len genutzt werden kann.13
POTENZIALE UND
GRENZEN BEWEGUNGS
ÜBERGREIFENDER
INITIATIVEN
Beide Bewegungen, der
Plattformkooperativismus
und
FLOSS,
sind
sich
darin
einig,
Plattformen
oder
die
zugrunde liegende Software in gemeinschaft lichen
Besitz bringen zu wollen. Dennoch agieren beide Be-
wegungen derzeit noch häufig getrennt voneinander.
Dies verwundert, da doch gerade die Zusammen-
führung beider Bewegungen Potenziale für das Vo-
ranbringen einer sozial-ökol ogischen Plattformi-
sierung bieten könnte: Plattformkooperativen, die
keine Unterstützung durch Risikokapital bekommen, haben in der Gründungsphase häufig Schwierigkeiten
damit, die Erstellung von Code zu finanzieren. Unter
der Voraus setzung, dass Plattformkooperativen Zu-
griff auf frei lizensierten Code bereits be stehender
ähnlicher Plattformen haben, könnten diese Grün-
dungsprozesse erleichtert und dadurch Markt-
macht leichter aufgebrochen werden. Schlussendlich
könnte dies die Grundlage für neue Plattformen mit
sozial-ökolo gischen Standards schaffen.
Erste Versuche, Elemente beider Bewegungen zu
verbinden und damit Potenziale für eine sozial-öko-
logische Plattformisierung zu heben, lassen sich
bei den Organisationen Fairmondo und CoopCycle
beobachten. Fairmondo wurde 2013 mit dem Ziel
gegründet, eine Alternative zu den großen Platt-
formen im Onlinehandel zu schaffen. Sozial-öko-
logisch will Fairmondo dabei in zweierlei Hinsicht
sein: Zum einen soll durch das genossenschaftli-
che Governancemodell sichergestellt werden, dass
die Plattform – im Gegensatz zu Marktführern wie
Amazon oder eBay – vollständig im kollektiven Be-
sitz der Plattformgenoss*innen bleibt. So will man
nachhaltig wirtschaften, ohne auf Wachstum fixiert
zu sein. Zum anderen will die Plattform gezielt An-
reize für nachhaltigen Konsum setzen, indem sie für
den (Ver-)Kauf fairer und ökologischer Produkte die
Transaktionsgebühren reduziert. Im Gründungs-
prozess versuchte Fairmondo darüber hinaus auch,
die oben skizzierten Anforderungen Freier Software
zu erfüllen, indem der Softwarecode der Plattform
öffentlich über GitHub bereitgestellt wurde.14 Auf-
grund der Komplexität des Codes wurde dieser aber
bisher noch von keiner anderen Plattform genutzt,
womit die Ausgangsintention, den Gründungspro-
zess anderer Plattformen zu vereinfachen, bisher
nicht realisiert werden konnte.15
Auch
CoopCycle,
eine
Kooperative
aus
Frankreich,
die nicht proprietäre Software für genossenschaft-
liche Fahrradkurierplattformen bereitstellt, setzte
von Anfang an darauf, Ideen aus der FLOSS-Be-
wegung mit einer genossenschaftlichen Governan-
ce zu verbinden. Dass sich die Prinzipien von Freier
Software nur bis zu einem gewissen Grad mit der
Idee des Kooperativismus vereinbaren lassen, zeigt
sich aber auch hier: Weil die Kooperative in ihrer Li-
zenz die Softwarenutzung durch Dritte explizit an
sozial-ökologische Ziele koppelt, weicht sie in den
Augen der FLOSS-Bewegung zu stark von den vier
festgeschriebenen Freiheitsprinzipien ab, um mit
ihrem Code noch zur Bewegung zu zählen.16
///<quote>
Die Zusammenführung
des Plattform-
kooperativismus und
der FLOSS-Bewegung
kann Potenziale
für eine sozial-
ökologische
Plattformisierung
entfalten.
///</quote>
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WAS BITS UND BÄUME VERBINDET
Digitalisierung nachhaltig gestalten
- Titel
- WAS BITS UND BÄUME VERBINDET
- Untertitel
- Digitalisierung nachhaltig gestalten
- Autor
- Anja Höfner
- Herausgeber
- Vivian Frick
- Verlag
- oekom verlag
- Ort
- München
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-SA 3.0
- ISBN
- 978-3-96238-149-3
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 152
- Schlagwörter
- Digitalisierung, Entwicklungszusammenarbeit, Politik, Ressourceneffizienz, Nachhaltigkeitskommunikation
- Kategorien
- Informatik
- Technik