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der Handlungsfähigkeit, den zur Verfügung stehenden Maßnahmen und
den Wirkungen. Der Staat kann die Grenzen schließen und Ausgangssper-
ren verhängen, um die Infektionsketten zu unterbinden. Er kann Kranken-
häuser unterstützen oder Unternehmen und Bürgern finanziell unter die
Arme greifen. Diese Kongruenz ist räumlich und zeitlich bedingt: Alles ge-
schieht innerhalb der Grenzen des Staatsgebiets, und die getroffenen Maß-
nahmen entfalten eine rasche, für die Bevölkerung sichtbare Wirkung.
Die Folgen des Klimawandels sind hingegen nur lose mit der Verursa-
chung verknüpft. Sie treten mit zeitlicher Verzögerung und vornehmlich
an anderen Orten auf. Dies gilt ebenso für Klimaschutzmaßnahmen. Ener-
getische Gebäudesanierung, Umstellung auf Sonnen-, Wind- und Wasser-
kraft oder Reduzierung des Autoverkehrs mögen zwar auf lokaler Ebene
positive Nebeneffekte wie eine Verringerung von Lärm und Luftschadstof-
fen haben. Die Klimaschutzwirkung entfaltet sich aber global und in Inter-
dependenz mit anderen Maßnahmen anderer Staaten. Nötig sind interna-
tionale Vereinbarungen. Hier kommt es leicht zu einem Konkurrenzver-
halten, das in bloße Absichtserklärungen oder gar in eine wechselseitige
Blockade mündet.
Doch abgesehen davon, dass der Nationalstaat nicht in der Lage ist, glo-
bale Probleme zu bewältigen, wäre es auch nicht wünschenswert, wenn
weltweit Klimaschutz im gleichen Stil wie aktuell Gesundheitsschutz be-
trieben würde: in der Form umfassender Ausgangs- und Kontaktbeschrän-
kungen mit ihren gewaltigen Folgewirkungen und in einer zunehmenden
Regierung per Dekret, d. h. am Parlament vorbei.
Auch für Politiker ist Klimaschutz kein Feld, um sich schnell und um-
fassend beliebt zu machen. Dies liegt zum einen daran, dass komplizierte –
und damit für die öffentliche Darstellung eher langweilige – Detailproble-
me zu lösen sind. Zum anderen betrifft der Klimawandel primär andere:
Menschen im globalen Süden und die kommenden Generationen. Kost-
spielige Maßnahmen zugunsten Dritter rufen deutlich weniger Sympathie
hervor als Schutz- und Unterstützungsmaßnahmen für die eigene Bevölke-
rung. Daher ist es für Politiker schwierig, mit Klimaschutz zu punkten,
auch wenn sich allmählich das öffentliche Bewusstsein ändert.
Bei der Rolle von Wissenschaftlern bestehen vor allem zwei Unterschie-
de zwischen Klima- und Coronaforschung. Klimaforschung und Klimafor-
scher/-innen wurden und werden systematisch von sog. Klimaleugnern
diskreditiert. Anfangs geschah dies besonders in den USA und in Australi-
en.18 Inzwischen versuchen auch in Europa Parteien mit der Behauptung
18 Vgl. Hamilton, Earthmasters. Einfache und vertrackte Probleme
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik