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gen Maßstab humanen Handelns erhoben. Allein die Orientierung an
der allgemeinen Wohlfahrt scheint die Gesellschaft als eine humane zu
qualifizieren.33
„Was bleibt, ist hier das ‚Naturwesen‘ Mensch, die ‚von allen höheren Kräf-
ten und Werten abgelöste Menschengattung‘.“34 Was verbindet das „Na-
turwesen Mensch“ zu einer kulturellen und humanen Gemeinschaft? Wo-
von kann ein Staat, bestehend aus einer bloßen Ansammlung von bio-
psycho-sozialen Individuen, ähnlich einer Nutztierhaltung, getragen sein?
Wie kann ein gesellschaftlicher Zusammenhalt begründet werden, wenn
es kein ideelles gemeinsames Band unter den Menschen gibt, keine von
Gott legitimierte Herrschaft, keine Bindung an einen gemeinsamen Glau-
ben, keine verbindende wesenhafte Natur des Menschen? Auf welcher
Grundlage sollten sich Individuen, welche jeweils nur am eigenen Wohl-
befinden (oder jenem ihrer Sippe) orientiert sind, zu einer sozialen Ge-
meinschaft mit gegenseitigen Verpflichtungen und gesetzlich erzwungener
Solidarität als „öffentlichem Gut“35 zusammenschließen? Das ist das
Grundproblem aller modernen (und d.
h. naturalistischen) Gesellschafts-
theorien, die eine Antwort nur auf Basis natürlicher Gegebenheiten zu fin-
den imstande sind, da der Naturalismus, d. h. das Beherrschungswissen im
Sinne der Wissensformen Max Schelers,36 der einzig verfügbare epistemo-
logische Rahmen ist.
Für die Frage nach der Legitimation gibt es im Rahmen der modernen
Wissensform und naturalistischen staatlichen Ordnung nur zwei mögliche
Wirklichkeitsbereiche, die den Anspruch (oder den Anschein) des Absolu-
ten aufweisen und damit gesellschaftlich die Voraussetzung der formalen
„Unverfügbarstellung“37 (als Surrogat für Transzendenz) beanspruchen
können:
a) das Kollektive bzw. Soziale (z. B. kontraktualistisch, über den Vertrag
konstituiert) und
b) die Natur (über die „Naturalität der Mechanismen“38 wie jener des
Wettbewerbs auf Märkten).
33 Delikostantis, Humanitarismus, 7.
34 Max Scheler, zit. n. Delikostantis, Humanitarismus, 51.
35 Vgl. Baurmann, Solidarität.
36 Scheler, Wissensformen, 203f.
37 Vgl. Vorländer, Transzendenz.
38 Foucault, Sicherheit, 501.
Willibald J. Stronegger
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik