Seite - 226 - in Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
Bild der Seite - 226 -
Text der Seite - 226 -
Und im Hinblick auf Pasteurs Mikrobenlehre der „zahllosen, unendlich
kleinen Wesen“ schreibt er:
Er hat uns bewiesen, dass jeder von uns für die anderen Lebenden zu
einem Herd des Todes werden kann und dass wir infolgedessen die
Pflicht haben, diese tödlichen Keime zu vernichten, um sowohl unser
eigenes Leben als auch das Leben aller anderen zu schützen und zu be-
wahren.48
So ist das Kunststück gelungen: Die naturwissenschaftliche Lehre von der
„sozialen Natur“ des Übels in Form der hygienischen gegenseitigen Bedro-
hung erlaubte die Ableitung einer Sozialmoral aus dem natürlichen Sein
des menschlichen Kollektivs.49 „Die Verfolgung meines eigenen Wohls
verpflichtet mich dazu, auch das Wohl der anderen zu wollen“, und wie
Ewald weiter ausführt: „Kein Gott, nichts außerhalb eines jeden von uns
ist mehr nötig, um uns dazu zu verpflichten, im eigenen Interesse das
Wohl der anderen zu wollen.“50
Bei den neuen Formen der Solidarität und Humanität – und das ist pa-
radigmatisch die zweite Seite der „Sorge“ in der biopolitischen Form des
faire vivre – geht es „nicht mehr um die Unterstützung für einen besonders
zerbrechlichen – verwirrten und verstörenden – Randbereich der Bevölke-
rung, sondern darum, wie sich das Gesundheitsniveau des Sozialkörpers in
seiner Gesamtheit anheben lässt […]. Der Imperativ der Gesundheit:
Pflicht eines jeden und allgemeines Ziel.“51 Foucault bringt hier ein we-
sentliches Charakteristikum der im 18. Jahrhundert in Erscheinung treten-
den modernen Solidarität und ihres Humanitätskonzepts auf den Punkt:
Es geht, auch wenn diese Rhetorik oft gepflegt wird, in erster Linie nicht
um eine auf jene vulnerablen Bevölkerungsteile beschränkte Hilfe in der
Not, die dieser wirklich bedürften, sondern um die Wohlfahrt und Förde-
rung der menschlichen Gattung, begleitet von der Forderung einer materi-
48 L. Bourgeois, zit. n. Ewald, Vorsorgestaat, 465.
49 Vgl. die Ursprünge der Sozialhygiene in Deutschland: „Die erste Monographie im
deutschen Sprachgebiet über Soziale Hygiene schrieb K. GEORG im Jahr 1890
[…]. GEORG bedeutete Sozialhygiene nichts weiter als die Anwendung allge-
meinhygienischer Erkenntnisse auf die Lebensverhältnisse des Proletariats. Ei-
gentlicher Beweggrund für diese ‚soziale‘ Auffassung war einerseits die Erkennt-
nis, dass das Proletariat die gesundheitlich labilste Bevölkerungsklasse ist, und
dass andererseits jede Klasse von der anderen auf Gedeih und Verderb abhängt. Es
war also letzten Endes der Egoismus der besitzenden Klasse die Triebfeder für
eine ‚Soziale Hygiene‘ im Sinne GEORGS“; Thissen, Entwicklung, 60.
50 Ewald, Vorsorgestaat, 467.
51 Foucault, Schriften, 23.
Willibald J. Stronegger
226
https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
zurück zum
Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik