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Und im Hinblick auf Pasteurs Mikrobenlehre der âzahllosen, unendlich
kleinen Wesenâ schreibt er:
Er hat uns bewiesen, dass jeder von uns fĂŒr die anderen Lebenden zu
einem Herd des Todes werden kann und dass wir infolgedessen die
Pflicht haben, diese tödlichen Keime zu vernichten, um sowohl unser
eigenes Leben als auch das Leben aller anderen zu schĂŒtzen und zu be-
wahren.48
So ist das KunststĂŒck gelungen: Die naturwissenschaftliche Lehre von der
âsozialen Naturâ des Ăbels in Form der hygienischen gegenseitigen Bedro-
hung erlaubte die Ableitung einer Sozialmoral aus dem natĂŒrlichen Sein
des menschlichen Kollektivs.49 âDie Verfolgung meines eigenen Wohls
verpflichtet mich dazu, auch das Wohl der anderen zu wollenâ, und wie
Ewald weiter ausfĂŒhrt: âKein Gott, nichts auĂerhalb eines jeden von uns
ist mehr nötig, um uns dazu zu verpflichten, im eigenen Interesse das
Wohl der anderen zu wollen.â50
Bei den neuen Formen der SolidaritĂ€t und HumanitĂ€t â und das ist pa-
radigmatisch die zweite Seite der âSorgeâ in der biopolitischen Form des
faire vivre â geht es ânicht mehr um die UnterstĂŒtzung fĂŒr einen besonders
zerbrechlichen â verwirrten und verstörenden â Randbereich der Bevölke-
rung, sondern darum, wie sich das Gesundheitsniveau des Sozialkörpers in
seiner Gesamtheit anheben lĂ€sst [âŠ]. Der Imperativ der Gesundheit:
Pflicht eines jeden und allgemeines Ziel.â51 Foucault bringt hier ein we-
sentliches Charakteristikum der im 18. Jahrhundert in Erscheinung treten-
den modernen SolidaritÀt und ihres HumanitÀtskonzepts auf den Punkt:
Es geht, auch wenn diese Rhetorik oft gepflegt wird, in erster Linie nicht
um eine auf jene vulnerablen Bevölkerungsteile beschrÀnkte Hilfe in der
Not, die dieser wirklich bedĂŒrften, sondern um die Wohlfahrt und Förde-
rung der menschlichen Gattung, begleitet von der Forderung einer materi-
48 L. Bourgeois, zit. n. Ewald, Vorsorgestaat, 465.
49 Vgl. die UrsprĂŒnge der Sozialhygiene in Deutschland: âDie erste Monographie im
deutschen Sprachgebiet ĂŒber Soziale Hygiene schrieb K. GEORG im Jahr 1890
[âŠ]. GEORG bedeutete Sozialhygiene nichts weiter als die Anwendung allge-
meinhygienischer Erkenntnisse auf die LebensverhÀltnisse des Proletariats. Ei-
gentlicher Beweggrund fĂŒr diese âsozialeâ Auffassung war einerseits die Erkennt-
nis, dass das Proletariat die gesundheitlich labilste Bevölkerungsklasse ist, und
dass andererseits jede Klasse von der anderen auf Gedeih und Verderb abhÀngt. Es
war also letzten Endes der Egoismus der besitzenden Klasse die Triebfeder fĂŒr
eine âSoziale Hygieneâ im Sinne GEORGSâ; Thissen, Entwicklung, 60.
50 Ewald, Vorsorgestaat, 467.
51 Foucault, Schriften, 23.
Willibald J. Stronegger
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, MenschenwĂŒrde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik