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viert. Nach meiner Einschätzung wurde der Stellenwert der Seelsorge im
Haus noch vertieft.
In diesen unterschiedlichen Möglichkeiten, dennoch Seelsorge auszuüben,
wird etwas Gemeinsames sichtbar. In jedem Fall war ein „neues“, wieder
anfängliches Hören und Wahrnehmen der Berufung und des Auftrags von
Seelsorge notwendig. Gleichzeitig waren die Seelsorger*innen überall
kurzfristigen und sich häufig verändernden Möglichkeiten der Seelsorge
ausgesetzt, die ihnen von Seiten des Systems auferlegt wurden, und sie wa-
ren so herausgefordert, in einer „Dynamik des Vorläufigen“12 ihr Tun auf
ganz andere Weise auszuloten.
Was möglich war und welche Kriterien möglicherweise ausschlaggebend
waren
Im Horizont der Vorläufigkeit und mit dem ambivalenten Gefühl, für
Menschen nicht da sein zu können, dem äußeren und inneren Auftrag
zum Teil nicht nachkommen zu können, wurde ausgelotet, was dennoch
möglich sein könnte.13 In den Praxisberichten zeigt sich, dass der überwie-
gende Teil der Seelsorger*innen in regelmäßigen Mail- und Telefonkon-
takten mit der Leitung eruiert hat, welche Stationen besucht werden konn-
ten und welche nicht bzw. welche Schutzmaßnahmen vorzunehmen sind
etc. Für einige änderte sich bis auf die Einhaltung von Hygiene- und
Schutzstandards am gewohnten Dienst wenig. Von fast allen Krankenhäu-
sern wurde für Sterbende die Spendung der Sakramente durch Priester er-
möglicht. So zeigt sich in Krisenzeiten, welche grundlegende pastorale Be-
deutung in erster Linie der sakramentale Dienst nach wie vor hat – zumin-
dest für die überwiegende Mehrheit der Entscheidungsträger*innen in den
Krankenhausleitungen.
2.2
12 Praxisbericht P5.
13 Siehe dazu Auszug aus Praxisbericht P5: „Die letzten Wochen waren eine sehr
zwiespältige Zeit. Einerseits wurden wir sozusagen ‚weggesperrt‘, um kein zusätz-
liches Risiko ins Krankenhaus zu bringen. Das hieß aber auch, für die Patienten
und deren spirituelle Bedürfnisse nicht da zu sein; ein Gefühl von ‚Sie-im-Stich-
Lassen‘ und des Nicht-Daseins tat sich dabei auf. Abgesehen von der Telefonbe-
reitschaft und von telefonischen Kontakten zum Personal, zu unseren Ehrenamt-
lichen, zu den Stationsleitungen, zum Hygieniker und zur Vertretung des Krisen-
stabs waren wir ziemlich ‚draußen‘.“
Maria Berghofer, Sabine Petritsch, Detlef Schwarz
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik