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schäftigung) die „vertikale Resonanz“8, die Verankerung in einem Sinn
oder einer Idee, ganz wesentlich zum Leben. Lebens- und Leiddeutung,
wie sie der Glaube anbietet, ist also durchaus ein wesentlicher Beitrag zur
Krisenbewältigung. Hartmut Rosa beklagt in einem Interview im Deutsch-
landfunk9, Kirchen und Religionsvertreter hätten in der Krise eine gewisse
Mutlosigkeit gezeigt. Sie hätten eine sehr defensive Einstellung, ein Ge-
fühl, dass die Gesellschaft nichts von ihnen wissen wolle. Dabei wäre es an
der Zeit, in der Gesellschaft eine religiöse Stimme zu hören, näherhin so-
gar eine christliche. Das Virus habe der Bevölkerung wieder ins Bewusst-
sein gebracht, dass bestimmte Dinge auch in einer modernen Kultur un-
verfĂĽgbar und nicht beeinflussbar sind. Von daher hat Seelsorge aus der
Perspektive des Glaubens einen sehr wichtigen Beitrag zu leisten.
Hoffnung: „… trotzdem Ja zum Leben sagen“ (V. E. Frankl)
Von Hoffnung wird in Krisenzeiten viel geredet, meistens geht es um die
Hoffnung, dass das Schwere bald vorĂĽbergeht und alles ein gutes Ende fin-
det. Der tschechische Dichter und Politiker Václav Havel (1936–2011) hat
eine andere Formulierung gewählt, die einem seelsorglichen Hoffnungs-
verständnis sehr nahekommt: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas
gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“10
Diese Worte beschreiben zielgenau das Wirken helfender Berufe. Sie ste-
hen Menschen zur Seite, die ihre Situation nicht selten als hoffnungslos
bezeichnen. In solchen Situationen selbst Hoffnung auszustrahlen, ist
wahrlich eine Kunst. Dabei geht es nicht darum, die Probleme klein- oder
schönzureden, sondern sich gemeinsam auf die Suche nach dem Sinn zu
machen. Und den gibt es nach dem Psychiater Viktor E. Frankl (1905–
1997) in jeglicher Lebenssituation, denn das Leben hat seiner Ăśberzeu-
gung nach sogar einen bedingungslosen Sinn. Dabei wären wir allerdings
schlecht beraten, die Corona-Krise vorschnell zu deuten. Nicht wenige tun
das, schmieden Verschwörungstheorien, versuchen sie als Ergebnis unseres
Handelns einzuordnen oder gar als Strafe Gottes auszumachen. Es geht –
folgt man Viktor E. Frankl – vielmehr um den je eigenen Lebenssinn, der,
unter welchen Umständen auch immer, zu suchen und zu finden ist. Und
die Gewissheit, dass sich jeden Tag so ein Sinnanruf fĂĽr jeden Menschen
3.2.2
8 Vgl. dazu Rosa, Resonanz, 435–453.
9 Vgl. Rosa, Folgen der Coronakrise.
10 Havel, Zitate. „Sein Unglück ausatmen können“. Hilfe für die Helfenden
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, MenschenwĂĽrde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik