Seite - 372 - in Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
Bild der Seite - 372 -
Text der Seite - 372 -
nen sich die bösartigen Viren der Angst, des Hasses, des Populismus und
des Nationalismus verbreiten, zu immunisieren“ hilft. Hier lässt sich er-
gänzen, dass es speziell von der Pandemie-Situation her betrachtet noch
genauer zu analysieren gilt, welche Gesellschaften mit dieser Bedrohung
wie zurechtkommen und was das mit ihrem jeweiligen politischen System
u. Ä. zu tun hat; erst dann ließe sich wohl genauer darüber nachdenken,
welche Rolle Kirchen bzw. Religionsgemeinschaften in diesen Zusammen-
hängen spielen müssten. Und schließlich: Die Kirche soll gemäß diesem
Bild Rekonvaleszenz ermöglichen, indem sie anstrebt, „durch die Verge-
bung die Traumata der Vergangenheit aufzulösen“8. Auch hier bleibt
Halík eher allgemein. Vielleicht ließe sich dieser Gedanke speziell von der
aktuellen Situation her so konkretisieren, dass es auf Dauer notwendig sein
wird, Menschen mit ihren vielfältigen belastenden und mit existentiellen
Nöten verbundenen Erfahrungen sowie bei der Aufarbeitung von Verant-
wortung intensiv zu begleiten.
Im Weiteren konkretisiert Halík die Aufgabe, diagnostisch tätig zu wer-
den, so, dass er die leeren und geschlossenen Kirchengebäude als „Zeichen
Gottes und eine[n] Aufruf“ identifiziert: Dieses Zeichen rufe zur geistigen
Unterscheidung auf, die wiederum „eine kontemplative Distanz zu unse-
ren erregten Emotionen und Vorurteilen, zu den Projektionen unserer
Ängste und Wünsche voraus[setzt]“9. Eine solche Herangehensweise ent-
larvt für Halík zuallererst diejenigen, die die Angst der Menschen ausnut-
zen, um ihr Bild von einem rachsüchtigen Gott zu propagieren. Aus der
biblisch begründeten Spiritualität heraus hingegen zeige sich in dieser wie
in allen Zeiten je spezifisch Gott als eine „Kraftquelle […], die in denen
wirkt, die in solchen Situationen eine solidarische und aufopfernde Liebe
erweisen – ja auch in denen, die dazu keine ‚religiöse Motivation‘ haben.
Gott ist eine demütige und diskrete Liebe.“10 Aus diesen Formulierungen
lässt sich meines Erachtens der Auftrag als dringlich einstufen, aufgrund
der Pandemie nochmals verstärkt Auseinandersetzungen über Gottesbilder
und deren Handlungsrelevanz zu führen. Halík selbst stellt aus einem tie-
fen sentire cum ecclesia11 heraus dann noch die Frage in den Raum, ob die
jetzt erzwungenermaßen leeren, teilweise geschlossenen Kirchen nicht
„einen warnenden Blick durch das Fernrohr in eine verhältnismäßig nahe
Zukunft“12 darstellen, eine Zukunft, in der gottesdienstliche Versamm-
8 Halík, Christentum.
9 Halík, Christentum.
10 Halík, Christentum.
11 Siehe dazu auch Kehl, Mit der Kirche fühlen.
12 Halík, Christentum.
Stephan Winter
372
https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
zurück zum
Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik