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Platzer: Wie wurde eigentlich offiziell nach außen kommuniziert? Hat es
da irgendwelche Kommunikationspläne oder Leitfäden gegeben?
Pichler: Nein, da hat es überhaupt nichts gegeben! Als die Infektio-
nen bei uns im Haus bekannt wurden, habe ich viel mit der
Bezirkshauptmannschaft telefoniert. Ich wusste zunächst ja
nicht, wie man mit so einer kritischen Situation umgehen
soll. Wir haben uns dann mit unserer Ansprechpartnerin
auf der Bezirkshauptmannschaft ein gemeinsames Wording
überlegt und auf eine Informationsschiene geeinigt. Es ist
von den Medien bei uns aber niemand aufgetaucht. Da hat
es viele schlaflose Nächte gegeben – vor allem bei unserem
Bürgermeister, vermute ich, der ja als Obmann dem Pflege-
und Betreuungsverein vorsteht und im Krisenfall Rede und
Antwort hätte stehen müssen.
Derler: Ich möchte hier ergänzen, dass uns auch der Bürgermeister
immer wieder unterstützt hat und sich um uns gekümmert
hat.
Platzer: Kommen wir nun zu den Bewohnerinnen und Bewohnern: In-
wiefern hat sich deren Alltag während der Krise verändert und
was waren dabei die größten Herausforderungen?
Derler: Am Anfang war es so, dass viele BewohnerInnen die verän-
derte Situation gar nicht mitbekommen haben – vor allem
Menschen mit Demenz. Andere wiederum empfanden die
Lage als derart tragisch, dass sie meinten, es sei „wie im
Krieg“. Dann gab es aber auch welche, die alle Maßnahmen
als „unsinnig“ bezeichnetet haben. Als wir dann unsere
Schutzmasken getragen haben, fragten uns wiederum eini-
ge BewohnerInnen, warum wir uns verkleideten usw. Die
wahren Herausforderungen sind aber erst mit der Zeit ent-
standen.
Platzer: Welche zum Beispiel?
Derler: Das betraf vor allem Menschen mit Demenz. Hier war zu-
nächst das große Problem, dass diese uns nicht erkannt ha-
ben, da wir ja alle Schutzkleidung und Masken getragen ha-
ben. Aber sie haben zumindest nicht ängstlich reagiert.
Nach einer gewissen Zeit haben die meisten aber begonnen,
sich zurückzuziehen. Auch der Mangel an sozialen Kontak-
ten mit ihren Angehörigen und jener an Bewegung hat sich
Barbara Derler und Brigitte Pichler – befragt von Johann Platzer
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Buch Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Titel
- Die Corona-Pandemie
- Untertitel
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Autoren
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Herausgeber
- Walter Schaupp
- Verlag
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Ort
- Baden-Baden
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Abmessungen
- 15.3 x 22.7 cm
- Seiten
- 448
- Schlagwörter
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Kategorien
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik