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40 | Ständestaat und Rotes Wien
Gropius131 konnte sich einerseits durch die Wirtschaftskrise, andererseits durch konserva-
tive Baumethoden und ArchitektInnen im Österreich der Zwischenkriegszeit nicht durch-
setzen.
1 2 5 Wider das sozialdemokratische Experiment
1.2.5.1 Endgültiger Fall des Roten Wien
Besonders am ideologischen Konzept und der architektonischen Ausgestaltung des Wohn-
bauprogramms entzündete sich der Gegensatz der politischen Lager. Es konnte von der
sozialdemokratischen Gemeinde nur unter schwersten politischen und ökonomischen
Konflikten durchgesetzt und -geführt werden.132
Die in die Oppositionsrolle gedrängte Wiener Christlichsoziale Partei hatte keinerlei
eigenständige Konzepte für die bürgerliche Umgestaltung des Wohnungsbauprogramms
in Wien. Populistische Stimmungsmache gegen eine vermeintliche Siedlungsfeindlichkeit
der Gemeinde zielte auf die Erschließung neuen WählerInnenpotentials der von der
Sozialdemokratie ab 1923 vernachlässigten gemeinnützigen Genossenschaften. Vorder-
gründig kämpfte die bürgerliche Opposition aber gegen die sozialdemokratische Umver-
teilungspolitik der Gemeinde und somit gegen die Wohnbausteuer133 und den Mieterschutz.134
1928 verlagerte sich der Streit um die Finanzierung des Wohnungsbauprogramms auf
die Ebene der Bundespolitik. Die konservative Regierung setzte an der verwundbarsten
Grundlage des Roten Wien an. Mittels der Abgabenteilungsnovelle vom 28. Januar 1931
wurde die ökonomische Basis der Gemeinde gekappt. Die Abgabenteilung regelte die
Teilung der Abgaben an Bundes- und Landessteuern und machte Anfang der 1920er Jahre
das Wiener Reformprojekt in all seinen politischen Facetten erst möglich. Durch den
Finanzausgleich zwischen Wien und Niederösterreich 1931 mussten öS 30 Mio. abgege-
ben werden. Damit musste die Zweckbindung der Wohnbausteuer zugunsten der Deckung
allgemeiner Verwaltungskosten aufgegeben werden.135 Die Investitionen in den Woh-
nungsbau sanken 1931/32 von öS 80 Mio. auf öS 43 Mio., also um ca. die Hälfte. Ab März
1933 erließ die Bundesregierung gezielt 16 Notverordnungen, um den Finanzhauhalt der
Gemeinde Wien endgültig zu destabilisieren, und trug damit den Gemeindewohnungsbau
bis 1934 zu Grabe.136
131 Jeglicher historische Einfluss wurde abgelehnt, dazu kamen neue Baustoffe wie Stahl und Beton.
132 Hautmann, Hautmann, Gemeindebauten, 1980, S. 109.
133 Trotz der Gegnerschaft der Wiener Christlichsozialen gegen die Wohnbausteuer wurde in vielen christlichsozial verwal-
teten Städten Österreichs eine ähnliche Steuerpolitik durchgeführt. Diese Steuern waren ebenfalls progressiv gestaltet
und schöpften vor allem aus Luxuskonsum, vgl.: Bauböck, Wohnungspolitik, 1979, S. 138.
134 Zimmerl, Kübeldörfer, 2002, S. 110.
135 Bauböck, Wohnungspolitik, 1979, S. 134 f.
136 Wolfgang Maderthaner, Von der Zeit um 1860 bis 1945, in: Peter Csendes, Ferdinand Opll (Hg.), Wien – Geschichte einer
Stadt, Bd. 3: Von 1790 bis zur Gegenwart, Wien, Köln, Weimar, 2006, S. 444–447.
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Das Schwarze Wien
Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
- Titel
- Das Schwarze Wien
- Untertitel
- Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
- Autor
- Andreas Suttner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien - Köln - Weimar
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20292-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 296
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918